Fashion

Die Wonderwomen der Modewelt: Von Pat McGrath bis Donatella Versace

In jeder Ausgabe präsentieren wir herausragende Persönlichkeiten, die mit sicherem Führungsinstinkt, bahnbrechenden Visionen und kreativem Intellekt zeigen, wie sie als Botschafterinnen positiver Werte nicht nur die Modewelt bewegen.
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L’Officiel holt die weiblichen Protagonistinnen der Branche vor den Vorhang und stellt sie in das wohlverdiente Rampenlicht.

Wonderwomen – das ist nicht nur eine Hommage an die gleichnamige Filmserie mit Gal Gadot als Superheldin, die mit dem bislang jüngsten Teil, „Wonder Woman 1984“, als erster Streifen des Marvel-Imperiums mit weiblicher Regie und Hauptrolle für Kassenrekorde gesorgt hat. Mit dem so treffenden Titel sind in diesem Fall jene Frauen gemeint, die sich dank ihres brillanten Talents, ihres messerscharfen Verstandes und auch ihrer Ausdauer in der Welt der Mode und Schönheit ihren Platz an der Spitze verdient haben. Eine Welt, in der die Hauptrollen schon seit den Zeiten von Charles Frederick Worth (Designer und Gründer der Haute Couture, Anm. d. Red.) von Männern besetzt wurden. Mit wenigen Ausnahmen, etwa Rose Bertin, Marie Antoinettes „Ministerin der Mode“, den 20er- und 30er-Jahren, als das Genie von Madeleine Vionnet und Jeanne Lanvin die Konkurrenz in den Schatten stellte, oder Chanel und Schiaparelli, bei denen jedoch die direkte Konkurrenz oftmals im Mittelpunkt stand, waren es vorrangig Männer, die in die Design-Geschichte eingingen. Frauen hingegen wurde meist nur kommerzieller Erfolg zugeschrieben. Das möge man nicht falsch interpretieren – schließlich ist das Talent von Granden wie Paul Poiret, Christian Dior, Yves Saint Laurent, Yohji Yamamoto, Issey Miyake, Azzedine Alaïa, John Galliano oder Alexander McQueen keinesfalls von der Hand zu weisen. Dennoch gibt es keine Zweifel, dass das System der Mode, Medien und Gesellschaft dazu tendiert, die Herren der Schöpfung gegenüber den Frauen zu bevorzugen.

Hinter der glänzenden Fassade
Selbiges galt lange Zeit auch in der Duftbranche, die Frauen einzig in der Rolle der Kundin akzeptieren wollte. Parfümeurin Christine Nagel erinnert sich noch gut daran, Anfang der 80er-Jahre als Frau in der Firmenich-Parfümerieschule nicht zugelassen worden zu sein. Und obwohl viele der heute angesehensten Marken von Frauen gegründet wurden und herausragende Persönlichkeiten große Anerkennung, vor allem in den Medien, bekamen, schien die Szene auch hier von Männern dominiert zu werden. Beispiele dafür sind etwa Germaine Cellier, Parfumeurin in den 40er-Jahren von „Fracas“ für Piguet und von „Vent Vert“ für Balmain, oder Olivia Giacobetti. Selbst heute haben die umsatzstärksten Marken ausschließlich männliche Direktoren an der Spitze. Ähnlich ist es um das Segment der dekorativen Kosmetik bestellt, einem Bereich, der in den Anfangsjahren von unabhängigen Frauen vorangetrieben wurde. Erst seit relativ kurzer Zeit finden sich hier wieder Frauen in den Top-Positionen als kreative Leitung. So ernannte Chanel im Jahr 2015 Lucia Pica zur Kreativdirektorin, Estée Lauder und L’Oréal Paris krönten 2017 Violette (Estée Lauder) beziehungsweise Val Garland (L’Oréal Paris) zur künstlerischen Leitung. Lediglich Giorgio Armani setzte von Beginn an auf die Federführung von weiblicher Hand – zuerst mit Pat McGrath und seit 2010 mit Linda Cantello. Auch bei Lancôme sind seit 2003 Kreativdirektorinnen am Steuer: Gucci Westman bis 2015, gefolgt von Lisa Eldridge, die bis heute in selbiger Funktion fungiert. Eine ähnlich traurige Bilanz lässt sich auch für die Arbeit bei Modeschauen ziehen. Erst Pat McGrath gelang es als eine der ersten Visagistinnen, diesen Bereich für ihre Standeskolleginnen zu erobern. Übrigens mit nahezu wahnwitzigem Erfolg – immerhin betreute sie als führende Make-up-Artistin bis zu 60 Shows pro Saison.

Ins Rampenlicht
Die Zahl der Designerinnen und Gründerinnen von Marken mit Prestige und kommerziellem Einfluss hat sich vervielfacht – neben den Designern, die wir in dieser und den kommenden Ausgaben noch im Detail vorstellen, seien hier auch Namen wie etwa Chitose Abe von Sacai und Grace Wales Bonner genannt sowie ihre Kolleginnen, die zur künstlerischen Leitung von Marken mit historischem Erbe berufen wurden. Darunter etwa Virginie Viard, die „logische“ Nachfolgerin von Lagerfeld bei Chanel, der Viard als „mein rechter und mein linker Arm“ bezeichnete. Oder Sarah Burton, die in ihren zehn Jahren an der Spitze von Alexander McQueen das Erbe des Genies mit Autonomie und Beständigkeit weiterentwickeln konnte. Selbst wenn Designerin Clare Waight Keller nach nur drei Jahren ihr Kapitel bei Givenchy wieder geschlossen hat, treten immer mehr Frauen an, um mit den klingenden Traditionsmarken erneut Geschichte zu schreiben.

Vorbildwirkung
Als Paradebeispiel dafür gilt auch Maria Grazia Chiuri, die maßgeblich für die jüngsten Erfolge bei Dior verantwortlich ist. Auf die Frage, ob sie das Gefühl habe, eine „gläserne Decke“ durchbrochen zu haben, indem sie an die Spitze einer Institution wie Dior berufen wurde, antwortet die römische Designerin: „Meine Ernennung war sicherlich ein Bruch mit der Geschichte der Maison, die durch das männliche Design der Kreativdirektoren, die mir vorausgegangen sind, im Laufe der Jahre eine präzise Vorstellung von Weiblichkeit definiert hat. Weiblichkeit, auch italienischer Charme, obwohl es vor mir schon einen anderen Italiener gab, Gianfranco Ferré – das hat mir erlaubt, die Qualitäten der italienischen Modekultur im Verhältnis zur französischen besser zu verstehen und dieses Wissen zu verflechten.“ Chiuri ist auch verantwortlich für die Einführung von Fragmenten feministischer Kultur beziehungsweise Konversation in die Dior-Kollektionen und -Schauen: mediale Momente von globaler Wirkung. „Ich wurde von Dior in einem bestimmten Moment meines Lebens gerufen, in dem ich mir – durch eine Reihe von Lektüren, allen voran die Werke von Autorin Chimamanda Ngozi Adichie und dem Vergleich mit meiner Tochter Rachele – der Komplexität des Frau-Seins bewusst wurde. Aber auch von der Schönheit, eine zu sein. Ich dachte, dass die Leitung eines Modehauses wie Dior mir die Möglichkeit gibt, für andere Frauen zu arbeiten und mich auf ein Projekt zu konzentrieren, das die Idee der Weiblichkeit mit der des Feminismus versöhnt. Aber für mich ist die Weiblichkeit kein Thema, das in den Kollektionen erst entwickelt wird. Es ist eine Art, unsere Zeit zu betrachten und zu reflektieren, es ist ein Leitfaden in meiner Arbeit für Frauen, es ist eine Art, Künstlerinnen und Künstler, Ateliers und Aktivistinnen und Aktivisten bekannt zu machen und ihnen Raum zu geben, die dank des Publikums, das eine Marke wie Dior genießt, ihr Projekt und ihre Botschaft auf außergewöhnliche Weise kommunizieren und verstärken können.”

Maria Grazia Chiuri

Familiensache
Für viele der in dieser Serie interviewten Designerinnen sind die Grandes Dames, die die Mode in den vergangenen 50 Jahren revolutioniert haben, Rei Kawakubo, Miuccia Prada und Vivienne Westwood. Bei anderen kommen der Instinkt und die Leidenschaft für Mode aus der eigenen Familie, wie etwa bei den Modedynastien, die von Frauen wie Fendi, Missoni oder Biagiotti gegründet wurden. Lavinia Biagiotti, die vor drei Jahren die Nachfolge ihrer Mutter Laura angetreten hat, erinnert sich, dass die DNA der Marke auch die Arbeit ihrer Großmutter Delia beinhaltet: „Meine Mutter und ich haben 21 Jahre lang Seite an Seite gearbeitet.

Wir waren ein ungewöhnliches und, wenn ich so sagen darf, gewinnendes Duo! Es ist uns geglückt, eine alchemistische Synthese zwischen verschiedenen Generationen zu finden, und so haben wir ein integratives Projekt geschaffen.“ Ein Umstand, der auf das besondere Band der beiden zurückzuführen ist: „Wir hatten eine eigene Identität und andere Standpunkte, aber wussten auch, wie wir uns darüber austauschen konnten.
Sie hatte ein sehr starkes Pflichtbewusstsein: Backstage bei der Modenschau kam es oft vor, dass wir 12 Stunden am Stück geprobt haben. Wenn wir Anzeichen von Müdigkeit zeigten, sagte sie mit ihrer unverwechselbaren Anmut und ruhigen Stimme: ‚Wir sind hier, um uns zu verbessern!” Von meiner Mutter habe ich auch mein Motto ‚Die Zukunft gestalten, jeden Tag’ und die freudige, konsequente und kohärente Herangehensweise bei der unerschöpflichen Suche nach dem Kleid, das es so noch nicht gibt.“ Eine Arbeitsmoral, die man zweifelfrei auch Lavinia zuschreiben kann und die ohne Frage über die Generationen weitergegeben wurde: „Meine Mutter lehrte mich, wie wichtig es ist, eine Vision zu haben. Sie hat mir beigebracht, dass Mode Brücken zwischen verschiedenen Welten schlagen kann, denn sie glaubte, dass es möglich ist, auch durch Schönheit zu kommunizieren und Ideen zu teilen. Mode ist eine universelle Sprache, aber Laura Biagiottis besonderer Stil hat es geschafft, auf der ganzen Welt erkannt zu werden. Heute nennt man sie ikonische Kleidungsstücke – Entwürfe wie ‚L’Abito Bambola‘ oder ‚Bianco Biagiotti‘ bleiben im Gedächtnis und werden auch weiterhin meine Kollektionen inspirieren.” Carolina Castiglioni hingegen arbeitete 13 Jahre lang für Marni, die von ihrer Mutter Consuelo gegründete freigeistige Kultmarke, bevor sie 2018 ihr eigenes Label namens „Plan C“ ins Leben rief. Eine natürliche, oder besser gesagt „physiologische“ Entwicklung, die durch das Aufwachsen an der Seite einer Frau assimiliert wird, deren Stil sowohl exzentrisch als auch poetisch ist. „Ich habe Mode immer auf eine ‚weibliche‘ Art und Weise erlebt, bin mit meiner Mutter aufgewachsen und habe die Arbeit von Miuccia Prada und Phoebe Philo bei Céline beobachtet und verinnerlicht. Die grundlegende Ästhetik von Plan C ist meine eigene. Alles, was ich mache, ist Kleidung, die ich selbst tragen würde, während ich zu meinen Zeiten bei Marni nicht die gesamte Kollektion getragen hätte. Ich bin ein aktiver Mensch, ich fahre Moped, ich mag zwar besondere, aber nicht banale Dinge und würde morgens nicht in Stöckelschuhen und einem langen Rock auf die Straße gehen. Meinen persönlichen Stil würde ich als kreativ bezeichnen. Für Farbkombinationen lasse ich mich von der Kunst oder meinen Kindern inspirieren, angefangen bei den Zeichnungen meiner Tochter Margherita, die ich seit der ersten Kollektion als grafische Motive verwende“, erklärt Castiglioni und meint mit Augenzwinkern: „Vielleicht macht sich die dritte Generation der Castiglioni-Stylisten ja schon bereit!“

Donatella Versace

Immer in Gedanken an ihren Bruder Gianni, der ihr 1994 die künstlerische Leitung von Versus anvertraut hat, ist Donatella Versace drei Jahre später an seine Stelle getreten. Während der Schock ob dessen Ermordung gerade die Anfangsphase prägt, ist mittlerweile selbst zur Legende avanciert.
Mit eiserner Entschlossenheit, den Hype um das Modehaus Versace aufrechtzuerhalten, hat sich die Diva mit ihrer ausdauernden Bräune, dem platinblonden Haar und ihrer Entourage an Superstar-Freunden selbst zur Ikone gemausert. In der kollektiven Vorstellung ist sie das ewige Party-Girl, das stets von Supermodels und Stars umgeben ist.

Was ist der Ursprung Ihrer Leidenschaft für Mode? Abseits von Gianni: Hat es einen Moment gegeben, in dem Sie eine Art “Offenbarung” hatten und erkannt haben, dass die Branche Ihre Berufung ist?
Nein. Nach der Universität traf ich Gianni in Mailand, und er begann zu erzählen ... Und er fing an, mir zu sagen: „Tu dies, tu das.“ Und nach und nach fand ich mich in einem Vollzeitjob wieder. Mit der Zeit begann ich zu lieben, was ich tat, indem ich beispielsweise bei Fotoshootings dabei war und gesehen habe, wie sich eine Idee zu einem fertigen Entwurf entwickelt.

So habe ich die Aufregung rund um die Modenschauen, die Models und Promis kennengelernt. Ich hatte Glück, denn es war, als ob Gianni etwas in mir gesehen hätte, das selbst ich noch nicht wahrgenommen habe und das mich in eine völlig andere Richtung, als ich mir vorgestellt habe, geführt hat.

Erst die Supermodels der 90er-Jahre, dann Madonna und Jennifer Lopez ... Was haben die Frauen von Versace gemeinsam?
Stärke, Einfallsreichtum, Selbstvertrauen, Charisma und auch den Wunsch, die Regeln zu brechen. Madonna ist beispielsweise ein Unikat. Wir kennen uns schon ein Leben lang und waren immer befreundet. Von ihr habe ich gelernt, welche Stärke man entwickelt, wenn man fest an das glaubt, was man tut. Sie hat mir auch wie keine andere die Bedeutung von “niemals aufgeben” nähergebracht. Ich mag die Stärke, die Leidenschaft und die Hingabe zur Arbeit, die Jennifer Lopez hat, aber vor allem bewundere ich sie als Mensch und als Mutter. Sie ist eine der authentischsten und zweifellos schönsten Frauen, die ich je kennengelernt habe, und es macht mich jedes Mal aufs Neue stolz, wenn sie ein Versace-Kleid trägt.

Auf welchen Ihrer Entwürfe sind Sie denn besonders stolz?
Das Dschungel-Kleid. Ich habe es für die Frühling/Sommer-2000-Kollektion entworfen, und es wurde zu einer Ikone. – Kann man das überhaupt über etwas sagen, das man selbst designt hat? Die ganze Welt hatte genau damals dieselbe Reaktion: Sie war erstaunt! Millionen von Menschen haben daraufhin im Internet nach Jennifers Foto gesucht. Das Dschungelkleid ging damit in die Geschichte ein und hat auch das Team von Google dazu inspiriert, ein neues Tool einzuführen: Google Images.

Was waren die Schlüsselfiguren, die zu dem „Mythos Versace“ beigetragen haben? 
Um sie alle aufzuzählen bräuchte man wohl eine Enzyklopädie. Angefangen von Fotografie-Genies wie Richard Avedon, Helmut Newton, Iriving Penn, Bruce Weber bis hin zu Steven Meisel und Mert Alas und Marcus Piggott. Die Supermodels wurden mit Gianni geboren, als ich vorschlug, dass sie nicht nur auf dem Laufsteg laufen, sondern auch bei Fotoshootings dabei sind: Naomi, Cindy, Claudia, Stephanie, Linda, Carla, Kate, Giselle und dann weiter zu Gigi und Bella, Kendall, Vittoria, Kaia ... Die Liste ist wirklich lange, aber was all diese Menschen, die zur Großfamilie von Versace gehören, eint, ist die Tatsache, dass sie es geschafft haben, einen Eindruck in der Gesellschaft zu hinterlassen, der über die Mode hinausgeht. Damals waren sie wahre Berühmtheiten, deren Look man nicht nur kopieren wollte, sondern beispielsweise auch wissen wollte, wo sie den Urlaub verbringen.

Was waren die wichtigsten Momente für die Marke unter Ihrer Leitung?
Die „Tribute Collection“ (Frühling/Sommer-Kollektion 2018, als Hommage an Gianni Versace, Anm. der Redaktion) war sicherlich ein Wendepunkt für die Marke und für mich persönlich. Es war eine schwierige Herausforderung, ein manchmal schmerzhafter, aber gleichzeitig befreiender Weg. Ehrlich gesagt hatte ich nicht mit dem Erfolg gerechnet, nicht weil ich meiner Intuition nicht traue, sondern weil man sich selbst immer ein bisschen kritisch gegenübersteht, besonders wenn man sich mit der Arbeit eines Genies befasst. Und ich kann den Moment nicht vergessen, als Jennifer (Lopez, Anm. d. Red.) im September 2019 auf den Laufsteg kam: Es war das Schließen eines Kreises, das im Jahr 2000 begann und in mir unbeschreibliche Emotionen ausgelöst hat. 
Die vergangene Herbst/Winter-Kollektion 2020/21 war auch ein grundlegender Moment, weil wir zum ersten Mal die Kollektionen für Männer und Frauen zusammengelegt haben. Dafür habe ich mich entschieden, die Werte der Inklusivität und Gleichheit, die der Versace-DNA zugrunde liegen, stärker hervorzuheben.

Die Mode befindet sich in einem Moment großer Veränderungen, sie überdenkt Saisonalität, Anzahl der Kollektionen, das Thema Nachhaltigkeit wird stärker. Was sind die wichtigsten Veränderungen, die bei Versace stattfinden?
Viele Dinge müssen überdacht werden, und wir sind dabei, die ersten Veränderungen vorzunehmen. Ich möchte mich nicht in irgendwelchen Erklärungen ergehen, denn es ist wirklich ein heikler Moment, ein Moment, den niemand vor uns erlebt hat. Wir überdenken alles, denn Konzepte, die bis vor sechs Monaten als selbstverständlich galten, scheinen jetzt bedeutungslos: die Saisonalität der Kollektionen, wie umfangreich sie sein sollten, was sie beinhalten müssen. Wenn die Mode der Spiegel der Gesellschaft ist, und die Gesellschaft sich verändert, dann wird sich auch die Mode verändern. Nachhaltigkeit und Authentizität werden eine grundlegende Rolle spielen, ebenso wie die digitale Welt.

Sie haben sich immer für die LGBTQ+-Community eingesetzt, auch den Kampf gegen Aids.
Ich glaube an die Kraft der Veränderung und dass wir als Menschen und als Gesellschaft eine bessere Welt für uns und für die, die nach uns kommen, aufbauen können, indem wir uns gegenseitig unterstützen und akzeptieren, dass wir nicht alle gleich sind und dass unsere Unterschiede uns einzigartig machen. Selbst mit der kleinsten Geste der Freundlichkeit können wir diesen Wandel herbeiführen. Wir gehen durch eine schwierige Zeit, und nur wenn wir zusammenhalten, können wir auf eine bessere Zukunft für alle hoffen. Wir haben gerade wiederentdeckt, wie wichtig es ist, freundlich zueinander zu sein, sich gegenseitig zu helfen, eine echte Gemeinschaft zu sein. Aus diesem Grund habe ich immer mehrere Institutionen unterstützt, und insbesondere engagiere ich mich für die LGBTQ+- Gemeinschaft: Dieses Jahr habe ich den Jahrestag meiner Ernennung zum Botschafter für die Gleichheit der LGBTQ+-Rechte gefeiert und mit den Organisationen „Pride Live“ und „Arcigay“ zusammengearbeitet, um ihren Kampf für Rechte zu unterstützen.

Pat McGrath

Es gibt kaum einen anderen Make-up-Artisten in der Modewelt, der ein vergleichbares Prestige wie Pat McGrath vorweisen kann. Ihr Lebenslauf ist umso bemerkenswerter, weil noch vor einigen Jahren fast ausschließlich männliche Visagisten für alle relevanten Modeschauen im Einsatz waren. Es war McGrath, die die gläserne Decke durchbrochen hat. Seit den frühen 90er-Jahren geht die heute 54-Jährige ihrer Leidenschaft nach. Und das stets außergewöhnlich in ihrer Vorstellungskraft und ihrem Glamour. Ihre Arbeiten waren zunächst in dem Magazin „i-D“ zu bewundern, bis sie an der Seite von Steven Meisel und durch ihr Engagement bei den Shows von Designer John Galliano zu Ruhm gelangt war. Letzterer machte sie dann zur unbestrittenen „Königin der Laufstege“.

Sämtliche Marken wollten sie als Statussymbol hinter der Bühne wissen, mit ihrem loyalen Team und ihren Louis-Vuitton-Koffern voller inspirierender Bildbände und Büchern zur Inspiration und als Referenzen. Selbst wenn sie heutzutage bei weniger Modeschauen im Einsatz ist und ihre Bibliothek fast vollständig digitalisiert ist, sind die Looks, die sie für den Laufsteg kreiert, immer herausragend. Damit noch nicht genug: Im Jahr 1999 entwarf sie die Make-up- Linie für Giorgio Armani, 2009 jene für Dolce & Gabbana. Vor rund vier Jahren brachte die in Jamaika geborene britische Make-up- Künstlerin ihre eigene Marke auf den Markt: Pat McGrath Labs.

Sie arbeiten schon sehr lange mit Steven Meisel zusammen, darunter finden sich zahlreiche Produktionen für Vogue Italia, etliche während Franca Sozzanis goldenen Jahren.
Meisel ist eine lebende Legende – der größte Modefotograf des vergangenen und des beginnenden Jahrhunderts! Wir haben immer in einer symbiotischen Weise zusammengearbeitet. Aufgrund dessen habe ich beispielsweise den „MatteTrance“-Lippenstift erfunden. Davor habe ich zehn Minuten und sieben Produkte benötigt, um ein perfektes mattes Lippenergebnis hinzubekommen. Jetzt muss ich nur noch meinen hyperpigmentierten Lippenstift für einen Wow-Effekt auftragen.

Sie sind gleichermaßen berühmt für die extrem natürlichen Looks, die Sie kreieren als auch für die extravaganteren.
Ich habe meinen minimalistischen Stil in meine Make-up-Linie integriert, verwende also nur die Produkte „Sublime Perfection“ als Grundierung, Foundation und Puder sowie den Lippenbalsam und die „Fetisheyes“- Mascara. Für ein spektakuläres Make-up verwende ich mein „Blitz-Astral-Quads“ und Swarovski-Kristalle.

Als Sie die Foundation von Armani kreiert haben, waren viele Branchenkollegen begeistert. Das Gleiche passierte, als Sie für Dolce & Gabbana tätig waren. Haben Sie es geschafft, mit der Gründung Ihrer eigenen Marke noch weiter zu gehen?
Die „Skin Fetish Sublime Perfection“-Foundation ist ein Kondensat meiner Backstage-Expertise, die ich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe. Ich wollte, dass es bei jedem Hauttyp funktioniert, für jeden Hautton, in jedem Alter und in jedem Klima. Und natürlich musste es als Hybrid zwischen Make-up und Pflege fungieren, daher deckt sie Unreinheiten ab und spendet Feuchtigkeit. Obwohl das Ergebnis wirklich außergewöhnlich ist, kann man es nicht mit dem vergleichen, das ich professionell tue: Deshalb habe ich eine komplette Produktlinie geschaffen.

Ihr Instagram-Profil ist eine Enzyklopädie der Referenzen: Serge Lutens, David Bowie, Diana Ross, Cher, Jerry Hall, Jean Shrimpton, Diana Vreeland, Thierry Mugler, Grace Jones, Hedy Lamarr und die großen Modefotografen der 70er-Jahre.
Sie sind alle meine Obsessionen. Ich poste nur Bilder, die ich wirklich mag.

Der Account ist ebenso eine Ode an flüssiges Gold, texturales Glitzern und dramatischen Eyeliner.
Ich war schon immer von Extremen fasziniert. Ob es das Extrem des „No-Make-up-Make-ups“ ist, das ich mit einer ganzen Reihe von neutralen Farbtönen mit äußerster Präzision hinbekommen habe, oder das entgegengesetzte Extrem des buntesten und fantasievollsten Make-ups. Eines meiner ersten Covers für „Glamour” in Frankreich war mit Amber Valletta. Ich habe die kaum geschminkte Haut, die einen Blick auf Unvollkommenheiten zuließ, durch ein übertriebenes metallisches Augen-Make-up kontrastiert. Ein Look, den ich seitdem hunderte Male wieder aufgegriffen und neu erfunden habe. Für die Dior-Shows von John Galliano haben wir uns dreidimensionale Looks ausgedacht, die Gesichter altägyptischer Pharaonen nachgebildet und Metallgels auf das Gesicht aufgetragen.

Was unterscheidet Ihre Produkte von der Konkurrenz?
Ich habe Jahre gebraucht, um Farben, Formeln und Texturen zu entwickeln, die sicherstellen, dass die von mir verwendeten Produkte das perfekte Finish und die perfekte Deckkraft haben.

Sara Cavazza

Sara Cavazza Facchini ist mit Mode aufgewachsen. Im zarten Alter von 16 Jahren wurde die Italienerin von Oliviero Toscani entdeckt und auf dem Cover von „Grazia“ porträtiert. Seit 2013 steht sie als kreative Leitung an der Spitze des italienischen Kultlabels Genny. Ein Werdegang, der wie vorherbestimmt scheint, denn Facchini widmete bereits ihre Abschlussarbeit ihres Soziologie-Studiums dem Berufsbild des Stylisten. Mode ist zweifelsfrei ihr Fachgebiet, das sie mit einem Master am „Istituto Europeo di Design“ vertiefte, kurz bevor sie Mathias Facchini heiratete, den Geschäftsführer von Swinger International, dem veronesischen Unternehmen, das 2011 von Genny übernommen wurde. Sie begann Sonderprojekte für die Marke zu betreuen, die in den 80er- und 90er-Jahren unter der Leitung von Donatella Girombelli zu den Giganten der italienischen Konfektionskleidung gehörte.

Was waren die stilistischen Merkmale der Marke Genny?
Das Label war bekannt für Weiblichkeit, Farben, Stickereien – man denke an Anzüge mit perfektem Schnitt und klaren Silhouetten. Viele Frauen haben noch ein Stück von Genny in ihrem Kleiderschrank, das auch nach Jahren noch dem Zeitgeist entspricht.

Was bedeutet es, das Erbe der Marke neu zu interpretieren?
Ich habe die Weiblichkeit, die Genny so auszeichnet, und die Formen herangezogen, um harmonische Entwürfe von anspruchsvoller Eleganz zu schaffen. Meine Vision ist eine Frau, die reist und unabhängig ist, die sich sozial engagiert – sie muss einen Look für das Büro und für die Reise haben, der immer perfekt passt. Selbst wenn sie Jeans trägt, kombiniert sie diese mit einer Seidenbluse. Es handelt sich also um Kleidung, die der Mode folgt, aber nie auf eine übertriebene Art und Weise. Und sie muss der Frau, die sie trägt, ein gutes Gefühl geben.

Können Sie etwas mehr über den kreativen Prozess erzählen?
Es beginnt mit einem Gefühl, einer Idee, einem Wunsch. Die vergangene Kollektion war beispielsweise vom Orient-Express inspiriert. Ich war in einem Antiquitätengeschäft und habe einige Broschen aus den 20er-Jahren aus Platin mit Diamanten entdeckt. Haarnadeln und Poirot-Filme sind mir dazu in den Sinn gekommen. Deswegen habe ich den Film gekauft und ihn nochmals angesehen. Ich wurde von der Eleganz inspiriert und der Idee einer Frau, die reist und einen besonderen Look für ihre Garderobe wählt

Wie sehr hat Ihr Studium der Soziologie Ihre Arbeit beeinflusst?
Es sind Studien, die einen lehren, offen für die Welt zu bleiben. Kleine Botschaften, Worte, helfen, einem zu verstehen, was andere wollen. Ich reagiere auf Bedürfnisse, aber sie werden immer durch meine stilistische Recherche interpretiert.

Das Gleiche passiert mit den Materialien und den Strickwaren. Beeinflusst speziell die weibliche kreative Vision eine Marke?
Das glaube ich nicht. Ich denke an die ganz Großen – etwa Valentino oder Versace. Sobald ein Genie am Werk ist, gibt es keinen Unterschied.

Und wie ist es um unternehmerische Vision bestellt?
Auch hier gibt es keinen Unterschied, allerdings würde ich die beiden Rollen trennen. Der Creative Director arbeitet an der Ästhetik, ein Unternehmer hat mit Zahlen und Konten zu tun.

Wie definiert man den Begriff der Innovation in der Mode?
Aus strategischer Sicht geht es darum, zu wissen, wie man die Marke erweitern kann – auch im realen Leben.

Hat es etwas mit Nachhaltigkeit zu tun?
Sehr sogar. Vor einigen Jahren haben wir ein Projekt zur Nachhaltigkeit gestartet, auch in Bezug auf die Werte, die wir vertreten und nicht nur hinsichtlich der Materialien. Vergangenen Winter gab es außerdem gleich drei Stoffe in der Kollektion, die dem Thema sehr entsprechen: Seide, „Prince of Wales“ und ein Nadelstreif aus recycelter Wolle. Außerdem wird mittels eines Etiketts angegeben, welche Materialien genau verarbeitet wurden, um dem Kunden Informationen zu vermitteln. Unsere Stücke werden in Italien hergestellt, der Stil, die Schneiderei, die Stickereien werden von unseren Näherinnen gemacht. Manchmal nehmen wir es als selbstverständlich hin, aber es ist wichtig. Man muss immer mit Respekt an der Marke arbeiten und seinem Gewissen vertrauen.

Christine Nagel

Nach dem Studium der organischen Chemie beginnt Christine Nagel in der Forschungsabteilung von Firmenich zu arbeiten. Als sie darum bittet, die berühmte hauseigene Parfümerieschule zu besuchen, wird sie abgelehnt, weil sie erstens eine Frau ist und zweitens nicht aus Grasse stammt (wo dieselben Familien den Anbau von Blumen und den Beruf der Nase seit Generationen weitergeben, Anm. d. Red.). Selbst wenn es ihr nicht erlaubt wurde, Düfte zu kreieren, wurde sie doch mit der Identifizierung von Gerüchen beauftragt, um die Formeln der verschiedenen Düfte zu entschlüsseln. Heute gibt es dafür Maschinen, aber es ist eine Ausbildung, die sich als grundlegend für ihre Zukunft erweisen wird. Und da Hartnäckigkeit im Angesicht von Hindernissen eine ihrer ausgeprägtesten Charaktereigenschaften ist, verließ Christine Nagel Firmenich für Creations Aromatiques und wurde eine Schülerin von Michel Almairac. 1997, im Alter von 38 Jahren, wechselte sie zu Quest, im Jahr 2000 zu Givaudan, trat dann die Nachfolge von Pierre Bourdon bei Fragrance Resources an und wurde 2011 Creative Director von Mane.

Drei Jahre später rief Hermès sie an, um Jean-Claude Ellena zu unterstützen, der seit 2004 das Parfüm im Haus kreiert. Im Jahr 2016 geht Ellena in den Ruhestand und Christine Nagel tritt an seine Stelle. Ihre Aufgabe: die Kreation von Düften ohne Marketingvorgaben und ohne Zeitdruck.

Was denken Sie, warum hat Hermès Sie ausgewählt?
Pierre-Alexis Dumas (künstlerischer Leiter von Hermès, Anm. d. Red), sagte, er erwarte von mir Kühnheit und Kreativität. Und dann denke ich, dass sie mich wegen meiner Sensibilität ausgewählt haben, weil ich eine „taktile" Nase bin, und bei Hermès ist der Tastsinn fundamental. Das charakteristische Merkmal von Hermès ist die Zentralität des Materials, die Besessenheit mit Details, bis zu dem Punkt, dass selbst das Innere der Kleidungsstücke genauso perfekt ist wie das Äußere. Auch hier ist das, was Hermès auszeichnet, der essentielle Stil: In der Parfümerie hat Ellena dieses Konzept auf die Spitze getrieben und Formeln mit wenigen Rohstoffen und ohne Redundanz geschaffen.

Was ist für Sie die grundlegende Eigenschaft eines guten Duftes?
Er muss mit der Haut verschmelzen, ich hasse flache Düfte.

Wie kreieren Sie Ihre Parfums?
Wenn man etwas Ähnliches macht wie das, was es schon gibt, wird man zwar vielen gefallen, aber das interessiert mich nicht! Ich möchte überraschen. Zum Beispiel mit „Eau de Rhubarbe Écarlate“, meinem Debüt bei Hermès, einem Eau de Cologne ohne Zitrus, bei dem die typische Frische durch eine krautige Pflanze erzeugt wird. Generell mag ich es, Düfte zu machen, die sehr unterschiedlich sind. Für das, was später „Un Jardin sur la Lagune“ wurde, suchte ich nach einem englischen Garten und hörte irgendwann von einem geheimen venezianischen Garten auf der Insel Giudecca, der für die Öffentlichkeit geschlossen war und einem englischen Einwohner, Frederic Eden, gehörte, weshalb man den Garten später „Eden“ nannte. Ich schrieb an die zuständige Stiftung, und sie erlaubten mir ausnahmsweise, ihn zu besuchen. Als ich das erste Mal im Winter dort war, war die Luft mit Salz gesättigt, die Atmosphäre war so besonders, dass es mich bewegt hat. Ich kehrte zwei oder drei Mal zurück, zu verschiedenen Jahreszeiten, um andere Facetten zu erfassen. Ich denke gerne daran, dass es für alle, die diesen Garten nicht betreten können, so ist, als ob das Parfüm ihnen das Tor dazu öffnet.

Und was die Nachhaltigkeit anbelangt ...
Hermès ist keine protzige Marke, deklariert nicht alles, was sie tut – aber natürlich wird auf das Thema geachtet, zum Beispiel, als es verboten war „Bois de Rose“ aus Brasilien zu exportieren, weil dies eine Ursache für die Abholzung war, haben wir es durch das zertifizierte peruanische ersetzt. Wir legen großen Wert auf die Schonung von Ressourcen, wobei für uns die Qualität an erster Stelle steht.

Haben Sie bei den Rohmaterialien besondere Favoriten?
Weichhölzer, oder besser gesagt die Hölzer, die ich gerne bearbeite, bis sie zu solchen werden. Vielleicht ist der Stoff, den ich am meisten mag, Patchouli, weil ich es noch nie geschafft habe, ihn zu verarbeiten. Und dann mag ich die Familie der Chypre-Düfte. Einer der großen Düfte, den ich gerne kreiert hätte, ist „Feminité de Bois“ von Serge Lutens – es ist ein außergewöhnlicher Chypre-Duft.

Was können Sie uns jetzt schon über die nächste Kreation verraten?
Sie wird mutiger sein, als man es sich bisher vorgestellt hat. Je älter ich werde, desto freier fühle ich mich – und desto mehr Freiheit erlaube ich mir.

Sie haben mit großen Parfümeuren zusammengearbeitet. Wer hat Sie am meisten beeinflusst?
Derjenige, der mich am meisten geprägt hat, war zweifellos Almairac. Er hat mich gelehrt, auf eine reduzierte Art und Weise zu arbeiten und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich war seine Studentin in Genf, er war in Paris, ich schickte ihm meine Kreationen, er fragte mich: „Christine, warum hast du das zusammengesetzt?“ Und daraufhin habe immer weiter reduziert.

In Mane haben Sie die Parfümerieschule geleitet, heute sponsert Hermès die „Ecole Superieure du Parfum“ in Paris. Wonach suchen Sie bei den Studierenden?
Persönlichkeit, Kreativität und Mut. Technik ist erlernbar, und die Parfümerie heutztage braucht einen Ruck.

Vor einigen Monaten lancierte Hermés ein neues Métier, Beauté, eine Linie von Lippenstiften, deren Duft Sie kreiert haben. Es ist eine ganz besondere Mischung aus Sandelholz. Wird es eine Art olfaktorischer roter Faden für zukünftige Kreationen sein?
Für den Lippenstift muss man die spezi"schen Vorgaben beachten, die für den Lebensmittelbereich gelten. Ich wollte einen speziellen Duft kreieren, also keine Rose, Veilchen, Himbeere oder gar Vanille oder Praline wie üblich. Für mich ist der Lippenstift der Duft der Schönheit. Wenn andere Produkte herauskommen, werde ich über andere Lösungen nachdenken.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass ich weiterhin Emotionen wecken kann. Parfüm ist für mich Leidenschaft: Auch noch heute, wenn ich auf der Straße einen überraschenden Duft an einer Person entdecke, kann ich immer noch nicht widerstehen, Leute anzuhalten und zu fragen, was sie tragen.

Molly Goddard

Ihre neon- oder pastellfarbenen Tüllkleider, die meterweise Stoff benötigen und gleichzeitig fröhlich, romantisch und edgy sind, tragen die Künstlerinnen Rihanna, Björk und Cindy Sherman. Selbst so unverkennbar wie ihre Entwürfe startet die Londonerin mit der anmutigen Silhouette und den langen roten Haaren 2014 ihre Marke.

Wie hat sich Ihre Leidenschaft für Mode entwickelt?
Ich bin in der Nähe des Portobello Markets aufgewachsen, in den 90er-Jahren war es ein aufregender Ort. Die Leute haben sich kreativ gekleidet, wie meine Eltern, die auf Vintage standen. Ich liebe es, mich zu verkleiden und habe schon immer Farben und die Handwerkskunst geliebt. Ich denke, bei Mode geht es darum, das Selbstbewusstsein zu steigern und sich selbst glücklich zu machen.

Tüll ist dabei ein charakteristisches Material für Ihre Arbeit …
Ich habe Tüll immer gemocht, ich denke, es lässt die Farben „explodieren" wie kein anderes Material. Es ist so leicht, dass man eine übertriebene Menge davon verwenden kann, ohne dass das Kleid untergeht. Und ich mag die transparenten Stoffe, weil man bei ihnen die Konstruktion und die Arbeit dahinter sieht.

Hat Ihr persönlicher Look den Stil Ihrer Kollektionen beeinflusst?
Ich habe meine Kleidung schon immer selbst genäht. Ich glaube, ich bin Designerin geworden, weil ich daran interessiert war, Dinge zu tragen, die ich nicht kaufen konnte oder die ich nicht bereits in den Läden finden konnte. Ich habe damit schon angefangen, als ich ein Mädchen war: Am Freitagabend kam ich von der Schule nach Hause und nähte in ein paar Stunden ein Kleid, vielleicht hatte es keinen Saum, aber ich war aufgeregt, etwas zu tragen, das ich selbst kreiert hatte.

Eines Ihrer Kleider war gleich nach dem Start Ihrer Marke auf dem Cover des Magazins „Love“, die Kollektion, die Sie für Studenten des Central Saint Martins entworfen haben, wurde von der englischen Ausgabe der „Vogue“ veröffentlicht. Hat das britische Modesystem Sie in besonderer Weise unterstützt?
Das „BFC – British Fashion Council Newgen“-Programm gab uns die Möglichkeit, an Laufsteg-Präsentationen und Panels mit Branchenpersönlichkeiten teilzunehmen. Treffen, die entscheidend dazu beigetragen haben, die Erwartungen der Branche und die Wahrnehmung meiner Mode durch Insider zu verstehen. Das „Center for Fashion Enterprise“ war auch sehr hilfreich, um zu lernen, wie man ein Unternehmen aus geschäftlicher Sicht führt.

Wer sind Ihre Lieblingsdesigner?
Ich habe Miuccia Prada immer verehrt. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich als Mädchen war, als ich die Bilder der einzelnen Kollektionen entdeckt habe – so stark und konzeptionell. Außerdem bin ich geradezu besessen von John Galliano, ich habe ein Praktikum bei ihm in Paris gemacht. Ein wahres Genie! Und ich mag Rei Kawakubo sehr. Ich habe das Glück, zu ihren Shows eingeladen zu werden, und ich verlasse sie immer in einem Zustand der Aufregung, in dem ich darauf warte, zu sehen, wie die Kleidung in den Geschäften umgesetzt werden wird.

Was ist Ihr Lieblingsstück unter Ihren bisherigen Entwürfen?
Ich ändere ständig meine Meinung, aber ich würde sagen: das „Robbie“-Modell aus der Herbst/Winter-Kollektion 2020/21 mit blauem Taft und schwarzen Samtschleifen. Es ist innovativ und gleichzeitig traditionell und lustig.

Viele Ihrer Kleider sind voller historischer Referrenzen …
Ich recherchiere viel und hole mir überall ein bisschen Inspiration. Deshalb verbringe ich viel Zeit in Bibliotheken, lese Bücher, alte Zeitschriften, gehe gern in Vintage-Läden und Museen. Wenn ich an einer Kollektion arbeite, habe ich Hunderte von Bildern an meinen Wänden, die sich auf eine für mich sehr klare Art und Weise miteinander verbinden – wie zum Beispiel ein T-Shirt aus den 70ern und ein Picasso-Gemälde.

Wo sehen Sie sich selbst in zehn Jahren?
Ich möchte weiterhin Kleidung kreieren, die etwas bedeutet, die die Menschen als wertvoll ansehen, so wertvoll, dass sie sie für immer behalten wollen.

Sandra Choi

Geboren auf der Isle of Wight, aufgewachsen in Hongkong, kam Sandra Choi als Teenager nach London, um zu studieren. 1989 begann sie mit ihrem Onkel, dem malaysischen Schuhfabrikanten Jimmy Choo, zu arbeiten. Ein Name, der der breiten Öffentlichkeit zu der Zeit noch unbekannt war, aber bereits damals von Londons Elite, darunter Lady D., für seine maßgeschneiderten Designs geschätzt wurde. Die Ready-to-wear-Marke wurde 1996 geboren, mit der Eröffnung des ersten Geschäftslokals in der Motcomb Street ins Leben gerufen. Schon damals war Sandra Choi in ihrer Rolle als Creative Director, sie behielt sie auch nach dem Ausscheiden des Gründers im Jahr 2001. Im Jahr 2011 wurde die „Jimmy Choo Foundation“ gegründet, um Frauen zu unterstützen und ihnen die Grundlagen zu geben, um ihr Leben wirtschaftlich in die Hand zu nehmen, sowohl direkt als auch in Partnerschaft mit Vereinigungen wie „Women for Women International“.

Wie würden Sie Ihre Rolle bei Jimmy Choo beschreiben?
Die Mission der Marke ist es, Menschen glücklich zu machen, körperlich und intellektuell. Ich muss sicherstellen, dass die Marke immer innovativ und relevant für unsere Kundin ist, die eine freiheitsliebende, lebenslustige Frau ist, die von dem Unerwarteten fasziniert ist.

Die Marke wurde mit Ihrem Onkel gegründet, und mit einigen Ausnahmen ist die Mehrheit der Schuhdesigner Männer. Glauben Sie, dass Ihre Sicht- und Arbeitsweise als Frau anders ist?
Ich glaube, dass Designerinnen Accessoires auch unter dem Aspekt der Funktionalität entwerfen, während Männer nur an die ästhetische Wirkung denken. Wie lange halte ich mit diesen Absätzen durch? Kann ich darin auch bequem gehen? Und es geht sehr stark um die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen: In erster Linie wegen der Rolle, die uns beigebracht wurde, also versuchen wir immer, auf die Menschen um uns einzugehen, eine einladende Umgebung zu schaffen, die die Entwicklungvvon Persönlichkeiten zulässt. Und dann denke ich, dass wir eine größere Fähigkeit haben, die Dinge von oben zu betrachten, aus verschiedenen Blickwinkeln. Wir enden kaum, im Gegensatz zu Männern, als Gefangene des mentalen Tunnelblicks.

Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Momente in der Entwicklung von Jimmy Choo?
Die erste Prêt-à-porter-Kollektion 1997, die Eröffnung des New Yorker Stores im Jahr darauf, die Eröffnung des Stores in Los Angeles 1999, ein sehr kleiner Raum, in dem ganz Hollywood verrückt nach unseren Schuhen wurde, von Halle Berry bis Sandra Bullock. Dann die Serie „Sex and the City", die defnitiv den Weg auf den Roten Teppich eröffnet hat, die erste Tasche, 2004, die sofort erkennbar sein musste, Michelle Obama, die unsere Schuhe am Tag der Amtseinführung trug, die Zusammenarbeit für die Herbst/Winter-Kollektion 2018 mit Off-White, ...

Von femininen Pumps über ultra-sexy Sandalen bis hin zu anmutigen Flats oder Stiefeln: Was ist Ihr Lieblingsmodell?
Persönlich liebe ich Stiefel, aber ich denke, in der kollektiven Vorstellung der Marke sind es wohl die Pumps mit Stiletto-Absatz. Auch die mit Kristallen verzierten Modelle und jene mit Animal Prints sind definitiv charakteristisch. In unserer DNA stecken Eleganz, Glamour, Fröhlichkeit und das ganze Know-how italienischer Handwerkskunst. Unsere Modelle sind geometrisch, aber immer auf eine ausgewogene Weise. Vor ein paar Jahren waren „hässliche" Schuhe und schlechter Geschmack sehr in Mode. Aus konzeptioneller Sicht war ich interessiert, aber ich wollte das Jimmy-Choo-Markenzeichen der Weiblichkeit nicht aufgeben.
 

Was sind Ihrer Meinung nach die persönlichen Eigenschaften, die Sie dorthin gebracht haben, wo Sie heute sind?
Als ich mit meinem Onkel gearbeitet habe, hat er alle Modelle von Hand gemacht. Es gibt also keine technische Schwierigkeit, die ich als „Nein“ akzeptieren würde.

Illustrationen: Suwa

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