Woman

Modern Family

Für das italienische Traditionsunternehmen Fay interpretiert Designer Arthur Arbesser die reiche Historie des Hauses neu. Inspiriert wird er dazu von den Menschen, die ihn umgeben und zu seinen Wegbegleitern geworden sind.
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Von Gaia Passi/ Foto: Cartacarbone/ Styling: Giulio Martinelli

„Anständig” ist ein Wort, das aus der Mode gekom-men ist. Wir denken dabei an brave Mädchen auf der Suche nach ihrem Zukünftigen und Männer mit Hut und kleinem Koffer, die zur Arbeit gehen, nachdem sie ihrer Ehefrau an der Türschwelle noch einen Abschiedskuss gegeben haben. Dennoch bekommt dieser so nostalgisch klingende Begriff eine ganz andere Bedeutung, wenn er von Arthur Arbes-ser in seinem fast perfekten Italienisch ausgesprochen wird. Und so beschreibt der künstlerische Leiter von Fay die Erziehung, die er in seinem Elternhaus genossen hat: auf eine bestimmte Art erzogen, dankbar und bodenständig. Und so stellt er sich die Frau vor, die seine Kreationen trägt: eine anständige Frau, die gut angezogen sein möchte.
Die Idee ist die Grundlage der Kreativität von Arbesse und das Bindeglied, das seine persönliche Geschichte mit jener der Marke verbindet, die in den Sechzigerjahren von Mr. Fay gegründet wurde.

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Von amerikanischen Uni-formen inspiriert wurde sie in den Achtzigerjahren nach der Übernahme seitens des Modekonzerns Tod’s von Diego Della Valle zum Symbol wohl situierter Bürger. In den Kollektionen, die aus Arthur Arbessers Feder stammen, findet man Hinweise auf die Architektur von Ettore Sottsass, die Skulpturen von Fausto Melotti, die Opern von Verdi und die Lieder von Franco. 
„Meine Arbeit ist ein sehr persönlicher Ausdruck von alldem, was mich umgibt. Es sind die Menschen, mit denen ich esse, lache und mein Leben teile. Es sind auch meine Men-toren, die mich beraten und die mich bei meiner Arbeit inspirieren.“ Es sind all jene, die – trotz der hitzigen Temperaturen im hochsommerlichen Mailand – herbeigeeilt sind, um sich an seiner Seite mit der Herbst-Winter Kollektion von Fay ablichten zu lassen. Unterjenen Wegbegleitern finden sich unter anderem Marco Sammicheli, Design Curator bei „Abitare” – „ein Freund, der mir viel über Architektur, Design und die Geschichte von Mailand beigebracht hat“, die Stylistin Gentucca Bini, die Arthur als „urtypisch mailändisch” bezeichnet, und Matilde Cassani, die neben einer außergewöhnlichenn Architektin und Künstlerin auch jene Frau ist, die der Designer sich vorstellt, wenn er seine Kleider entwirft. Arbesser (Jahrgang 1983), der an der Central Saint Martins Modedesign studiert hat, gilt als einer der vielversprechendsten Designer in der Modewelt.

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Einen Großteil seines kulturellen Hintergrunds verdankt er aber seiner Familie und seiner Kindheit in Wien: „Schon als Kind ging ich ins Theater und in die Oper. Zuhause hörten wir nur Schubert, Wagner, Verdi und unseren Urlaub verbrachten wir in Kirchen, Museen und archäologischen Stätten. Nicht ein Tag am Meer“, erinnert er sich mit einem Lachen im Gesicht. „Im Auto las uns unsere Mut-ter die Geschichte von Johanna der Wahnsinnigen und Philipp dem Schönen vor. Ich habe versucht zu rebellieren, aber ich verdanke es schlussendlich meinen Eltern, dass ich heute so geschichtsinteressiert bin.“ Es sind die Jahre, in denen er beginnt, sich für Mode zu interessieren. „In der Schule zeichnete ich immer Figu-ren auf alle meine Bücher. Ich interessierte mich schon immer für Kleidung und die Art und Weise, wie man Kleider trägt. Als ich dann begann, regelmäßig in die Oper zu gehen, wurde mir die Kraft der Kleidung bewusst und ich begann zu verstehen, wie Kleidung eine Person ver-ändern kann.“ Wien wird ihm jedoch bald zu eng. Mit 19 Jahren zieht er nach London. Nach seiner Ausbildung gibt es für ihn nur eine Wahl: Mailand. „Als ich mich in der Bibliothek von Saint Martins aufhielt, um zu lernen, fiel mir immer wieder ein Buch von Sottsass und der Mailän-der Gruppe Memphis in die Hände. Die Stadt schien mich zu rufen.“ In Mailand arbei-tete er für wichtige Modehäu-ser und im Jahr 2013 gründete er die Linie, die seinen Namen trägt. Seitdem er die krea-tive Leitung von Fay im Jahr 2017 übernommen hat, ist es seine Aufgabe, die Bestseller der Marke neu zu gestalten. „Wenn ich durch die Straßen laufe, sehe ich viele Menschen, die Fay tragen: Diese Klei-dungsstücke zu verändern bedeutet, jene Personen zu verstehen, die sie tragen. Das ist eine sozialanthropologische Herausforderung.“ Arbesser begibt sich ins Archiv und überarbeitet durch den inno-vativen Einsatz von Farben, Formen und Materialien, die von den Feuerwehruniformen aus Maine inspirierte Weste mit den unverkennbaren vier Haken als Verschluss und den Virginia Mantel. „Für die Herbst-Winter Kollektion haben wir uns intensiv mit dem Konzept des Layerings beschäftigt. Jedes Kleidungs-stück besteht aus mehreren Schichten – wie zum Bei-spiel die kleinen Westen, die über den Mänteln getragen werden und auf verschiedene Weise sowie in verschiedenen Situationen getragen werden können“, erklärt er. Die Suche nach avantgardistischen Mate-rialien wie etwa Stoffen aus Kunstfaser und gewachsten Stoffen, machen die Klei-dungsstücke widerstandsfähig und mit der Zeit noch schöner, basierend auf der Tradition einer Marke, welche die Quali-tät zu ihrem absoluten Gebot gemacht hat. Das Gelb und Grün, Blitzblau, Burgunder-rot, das Leder im Color Block und die Drucke, die von der Welt der Kunst inspiriert wur-den, tragen dazu bei, der Kol-lektion zeitgenössische Frische zu verleihen. Für Arthur war es ausreichend, „kleine Details zu verändern, um die Modelle aus der Vergangenheit neu zu gestalten. Dies unterstreicht den Wert der Originalidee“.

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