Fashion

Von Bali bis zum Spittelberg: Ein Talk mit Mark Baigent über gender-free Fashion

Er lebt wo andere Urlaub machen: Bali. Designer Mark Baigent hat sich auf der „Insel der Tausend Tempel“ sein eigenes Reich geschaffen, um Mode nach eigenen Bedinungen zu designen und produzieren.
Reading time 11 minutes
Mark Baigent

L'Officiel Austria trifft Mark Baigent an einem kalten Nachmittag im November in einem Wiener Kaffeehaus. Baigent, der zu dieser Zeit gerade in der Bundeshauptstadt weilt, startete hier seine Karriere als Designer*in (Mark Baigent hat für sich eine non-binäre Ansprache gewählt). Von hier aus ging es nach einem Zwischenstopp in Indien nach Bali. Heute leitet Baigent dort eine Textilfabrik, die nach fairen Kriterien Mode produziert. 

Wir sprechen über die Zukunft der Mode in Zeiten des globalen Klimawandels, den Platz marginalisierter Gruppen in unserer Gesellschaft und genderfree clothing

1638882393768556 spittelberg kollektion mark baigent 11638882398210384 mark baigent spittelberg kollektion 2
Kollektion "Spittelberg" - Spring/Summer 2021, Fotos: Rizal Sayful

Wie sind Sie zu Unisex gekommen? Ist das etwas, das ein aktueller Ausdruck ist oder ein überkommender, weil er schon so lange existiert ...

Mark Baigent: "Das ist eine gute Frage, weil das Wort unisex verwende ich mittlerweile sehr ungern, weil ich das Wort Sex in dem Ganzen nicht mag. Im Deutschen schwingt da immer eine gewisse Aggressivität mit. Deswegen bevorzuge ich genderfree."

Wie genderfree ist denn Ihre Mode? 

Mark Baigent: "Man würde argumentieren, dass einige meiner Designs eher maskuliner sind, andere femininer, aber da geht es um Schnitttechnik. Bei meinen Denims ist es beispielsweise so, dass es auf jedes Geschlecht umzulegen ist - und da ist es eigentlich egal, welche Geschlechtermerkmale man hat."

Und wie ist der Markt für genderfreie Mode gerade? Suchen Menschen danach online? 

Mark Baigent: "Also laut den Keywords, die wir für unsere Website researchen ist gender neutral clothing ein trending Keyword. Ich mache genderfreie Mode seit über 10 Jahren und das war definitiv vor dem Trend. Es ist wunderbar zu sehen, dass das was ich online verkaufe beide Geschlechter anspricht. Sowohl male als auch female halten sich in der Käuferschicht die Waage. Es bestätigt mein Konzept und das freut mich." 

Sie verkaufen auch in Boutiquen, können aber dort nicht ihre Geschichte so erzählen, wie beispielsweise über ihre Website. Was ist Ihnen denn als Designer*in wichtig? Gibt es da Unterschiede? 

Mark Baigent: "Also ich glaube es ist Designer*innen mittlerweile lieber, wenn sie online verkaufen. Ich arbeite mit Shops zusammen, die eine Stückzahl bestellen und meine Philosophie erzählen und teilen. Die Shops in denen ich vertreten bin, stehen auch politisch für gleiche Werte."

"Ich war frustriert, weil Mode meine Ausdrucksmöglichkeit ist aber auf der anderen Seite bin ich 'humanitarian' und setze mich für Menschenrechte ein. Das hat sich alles widersprochen." - Mark Baigent
1638882429036111 mark baigent spittelberg kollektion1638882441579097 mark baigent spittelberg
Kollektion "Spittelberg" - Spring/Summer 2021, Fotos: Rizal Sayful

Jetzt sagt man auch, dass Mode bis vor wenigen Jahren besonders unpolitisch im Gegensatz zu anderen Dekaden war - wie ist die Entwicklung jetzt?

Mark Baigent: "Ich nehme es positiv und negativ wahr. Ich nehme es so wahr, dass non-binäre Mode mehr im Fokus steht. Die Frage stellt sich: Ist es im Fokus, weil es ein Trend ist oder weil wirklich ein Umdenken stattfindet. Das wird sich erst herausstellen. Große Brands sind schon darauf aufgesprungen, aber bei den Aussagen, die sie treffen, muss man sich doch fragen, ob sie einer Message folgen oder nur einem Trend. Es wirkt alles sehr oberflächlich. Auch wenn dann Labels, wie Dolce&Gabbana damit anfangen." 

Aber eigentlich ist es ja so, dass genderfree oder non-binary ein Trend ist, der jetzt übergreifender ist und sich auch außerhalb der Modeszene abspielt ...

Mark Baigent: "Ja, Mode spiegelt die sozialen Umstände wieder. Die Thematik Genderstudies ist in den letzten Jahren definitiv mehr publik geworden. Es ist richtig, dass es im Mainstream angekommen ist. Daher nehme ich schon an, dass einige große Marken jetzt 'the pink money' wollen und deswegen schnell auf den Zug aufspringen. Sind sie also wirklich daran interessiert oder plappern sie gerade nach, was ihnen Geld bringt? Es wird sich zeigen." 

Gehen wir mal zu einem anderen Gender-Thema und zwar die Kollektion vom Spittelberg, die auf dem historischen Wien und seiner marginalisierten Bevölkerung - den Prostituierten - basiert ... 

Mark Baigent: "Es ist die erste große Kollektion 2021 gewesen. Als Anmerkung: Ich mache keine Spring- oder Winter-Kollektionen mehr. Die Geschichte bei meinen Kollektionen ist, dass ich gerne konzeptuell arbeite und jede Kollektion eine Philosophie dahinter hat. Bei Spittelberg wollte ich eine Kollektion mit Wien-Bezug machen. Ich wollte auch v.a. aus persönlichen Gründen auf Sexarbeit aufmerksam machen und bin dann in die viktorianische Zeiten gekommen und auf Personen, wie Josefine Mutzenbacher. Dann bin ich darauf gestoßen dass es einen großen Anteil an Prostituierten in der Bevölkerung gab. Ich wollte eine Hommage an die weiblichen Sexarbeiterinnen machen und habe ihnen diese Kollektion gewidmet."

Und es spiegelt ja auch ein anderes Wien-Bild wider ...

Mark Baigent: "Definitiv. Man kennt Wien als schöne Fassaden. Das ist heute ja auch noch so. Was hinter verschlossenen Türen passiert, will man dann nicht wissen oder doch ..." 

Aber das hat man ja auch in anderen Ländern.

Mark Baigent: "Ja und Nein. Ich wohne in Indonesien und dort macht man keinen Hehl daraus. Das ist heute auch noch so. Aber wenn wir uns Wien ansehen: Kronprinz Rudolph hat damals Razzien angezettelt, ist aber selber im 7. Bezirk ins Bordell gegangen. Eine Anekdote besagt, dass er einmal seine Dirne nicht bezahlt und daraufhin aus dem Haus geflogen ist. Es zeigt, wie sehr die Ober- und sogenannte Unterschicht miteinander verbunden war."

Hat sich diese Bigotterie bis heute geändert? 

Mark Baigent: "Ich habe für meine Kollektion 'Spittelberg' eng mit der Historikerin Mag. Stoiber zusammengearbeitet. Meine Recherchen haben ergeben, dass es heute sogar noch schlimmer ist als früher. Nehmen wir ein Beispiel: Vor 15 Jahren hat man noch in Wien die Gürtelrosen vom Straßenstrich gekannt. Heute geht man den Gürtel (eine der größten Straßen in Wien, Anm.) hinunter und da ist keine mehr. Sie sind in Laufhäuser verbannt worden oder in den dunklen Prater, wo sie niemanden stören, was aber ein großes Sicherheitsrisiko für diese Frauen ist. Und dann kommen noch die hohen Auflagen. Generell werden Exempel an diesen Sexarbeiter*innen statuiert, wenn es um Sexual Health geht." 

Kommen wir auf ein anderes Thema zu sprechen: Wie ist ihr Umzug von Wien nach Bali zustande gekommen? 

Mark Baigent: "Ich bin nach Bali gezogen, weil ich eine Auszeit von Wien brauchte. Vor allem als selbstständiger Designer*in ist es schwierig hier, wenn man nicht ein gewisses Einkommen hat, denn in Österreich ist es als Selbständige*r nicht einfach. Und dann bin ich losgezogen, habe einen Zwischenstopp in Indien gemacht, der mir die Augen geöffnet hat. Dort habe ich gesehen, wie Massenmode produziert wird, wie viele Menschenleben da draufgehen, der Müll der anfällt - die Schwere der Welt fühlte sich an, als wäre sie auf mir, weil ich in einem persönlichen Zwiespalt war. Ich war frustriert, weil Mode meine kreative Ausdrucksmöglichkeit ist. Und auf der anderen Seite bin ich ein humanitarian und setze mich für Menschenrechte ein. Das hat sich alles widersprochen. Mein Ziel war es dies zu verändern. Dann bin ich nach Bali gekommen, habe mich in eine Fabrik eingekauft und konnte somit sichere Arbeitsplätze schaffen. Jetzt bin ich kurz davor das Fair Trade Zertifikat von der WFTO (World Fair Trade Organisation, Anm.) zu bekommen." 

Wie war die Entwicklung Ihrer Textilfabrik? 

Mark Baigent: "Wir haben mit 8 angefangen und sind jetzt 22 Mitarbeiter*innen. Trotz Corona haben wir niemanden kündigen oder Gehälter kürzen müssen. In Indonesien gibt es kein soziales Sicherheitsnetz und deswegen war das sehr wichtig. Viele westlichen Unternehmen melden ihre Mitarbeiter*innen nicht einmal an - das betrifft 70 Prozent der Menschen, die in Bali wohnen. Dadurch konnten sie auch keine Corona-Hilfen in Anspruch nehmen. Ein Dilemma."

Das sind aber jetzt nicht nur Billigmarken, oder? 

Mark Baigent: "Absolut. Bei den teuren Marken kann ich überhaupt nicht verstehen, warum sie nicht Fair Trade produzieren. Da gibt es Produkte, die für 10 Euro hergestellt und für 500 Euro verkauft werden! Warum kann das nicht auf einer fairen Basis passieren? Früher war es einmal so, dass 'Made in China' schlecht war, aber das ist nicht mehr so. Dort sind die Gehälter mittlerweile gestiegen und viele Marken sind von dort weg. Nur Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka haben keine sozialen Standards. Wenn man das Label in seiner Kleidung entdeckt, kann man sich also schon vorstellen, wie das produziert wurde." 

1638883683174843 mark baigent
Mark Baigent

Wie sehen Sie die Modelandschaft auf Bali? 

Mark Baigent: "Wenn ich daran denke, wie viele indonesische Designer*innen ein Label haben, würde ich sagen, dass die westlichen Labels dominieren. Es wird viel Resort-Wear, Swim-Wear oder Yoga-Wear dort produziert. Von meiner Nische, dieser Unisex und Avantgarde, gibt es vielleicht nur SkinGraft von Jonny Cota, das bekannt ist und eine Staffel von Making the Cut (Reality Show über Fashion Designer*innen, Anm.) gewonnen hat. Seine Mode ist eher feminin. Aber von der typischen Unisex-Kleidungsmarken gibt es nicht viele. Eher dann Accessoires-Labels. Beispielsweise das Schmucklabel PARTS OF 4, die haben auch für Rick Owens kreiert."

Werden Sie von der Insel beeinflusst? 

Mark Baigent: "Ich muss leider sagen: Ja." 

Warum leider? 

Mark Baigent: "Ich hatte eine Kollektion, die hieß RHIANNON, die war eine Hommage an Stevie Nicks und Fleetwood Mac. Es ist zwar eine meiner besten kollektionen, aber sie ist mir heute zu Resort-Wear-lastig. Es sollte mehr edgy und avantgarde sein. Aber es ist normal, dass einem die Orte beeinflussen an denen man lebt. Man darf sich auch beeinflussen lassen, aber der rote Faden des Labels sollte sich weiter entwickeln." 

Wie sieht denn Ihre nächste Kollektion aus? 

Mark Baigent: "Ich habe in der Spittelberg-Kollektion ein paar Jacken gemacht, die ich gut fand. Ich möchte deswegen weiterhin mit Schulterformen bei diesen experimentieren und das mit einem 90er Look kombinieren, der etwas 'kastiger' ist."

Sie meinen einen Helmut Lang Look? 

Mark Baigent: "Es geht in diese Richtung, aber wird etwas komplett eigenständiges sein." 

Wie finden Sie den aktuellen 2000er Fashion Trend

Mark Baigent: "Ich finde ihn total lustig, aber auch ernst zu nehmend. Vetements hat damit schon ein paar Jahren angefangen. Man kann es ja glauben oder nicht, ob das beabsichtigt war oder nicht, dieser Anti-Fashion-Trend ... Balenciaga ist dann aufgesprungen. Ich finde es einen total coolen Trend, weil er eine offenere Sexualität erlaubt, aber ich glaube nicht, dass sich dieser lange halten wird." 

1638906486042463 bali fashion designer1638906513809715 bali fashion designer mark baigent
P/21 Capsule collection, Fotos: Tash Serena Meltsner

Tags

designer
vienna
wien
austria
bali

Ähnliche Beiträge

Vorgeschlagene Artikel