Fashion

Die jungen Wilden

Revolutionär, experimentell und mutig – Die neue Avantgarde der Modedesigner setzt neben gewagten Entwürfen auch auf konzeptionelle Visionen. L’Officiel stellt fünf Namen vor von denen man in Zukunft noch viel erwarten darf.
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Ein Look der Kollektion “Tinderella” von Florentina Leitner.

"Irgendwo zwischen Abstraktion, eklektischem Styling und klassicher Eleganz ist Florentina Leitner ästhetisch  einzuordnen.“

Heimisches Nachwuchstalent:

Irgendwo zwischen Abstraktion, eklektischem Styling und klassischer Eleganz ist Florentina Leitner ästhetisch einzuordnen. Die gebürtige Österreicherin gilt als eines der vielversprechendsten Talente der Anfang des Sommers promovierten Abschlussklasse der renommierten Antwerpener Royal Academy of Fine Arts.

Große Zukunft 

Ein Indiz für eine erfolgsversprechende Karriere sind dabei unter anderem ihr Debüt auf der Londoner Modewoche und ihre Premiere bei den „Global Talents“, einem Format der Mercedes Benz Fashion Week Russia. Ihre dort präsentierte Kollektion „Tinderella“ setzt auf mutigen Maximalismus: Expressive Prints treffen auf typisch britische Designs, Petticoat-Kleider auf breitschultrige Mäntel – mittels gewagtem Styling und humorvollen Accessoires werden die Looks noch weiter entfremdet.

Traumland

Auch der begleitende Kurzfilm von Marnik A. Boekaerts, bei dem die Models in schimmernden Cat-suits in den ehrwürdigen Gemächern eines Schlosses ein Sporttunier mit Tauziehen und Zumba-Kursen durchleben, unterstreicht den kreativen Zugang der Designerin. Dabei sollte man als Kundin aber keinesfalls den Fehler machen, die blühende Fantasie als weltfremd zu interpretieren – ein Großteil der Stücke erweist sich auf den zweiten Blick als durchwegs tragbar und alltagstauglich. Darunter etwa die raffiniert geschneiderten Sakkos mit Ballonärmeln oder die bunt gemusterten Kleider, die ebenfalls gekonnt mit Volumen spielen. Ein geschickter Schachzug, der zweifelsfrei auch das Interesse von Einkäufern wecken wird.

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Ein Look aus der aktuellen Kollektion von Lucille Thievre.

"Körperbetonte Schnitte, Cut-Outs und elastische Materialien sind dabei ihre Signatur und spielen mit den Stereotypen der offenen französischen Sexualität."

Erfahrungsschatz 

Ganze fünf Jahre stand die gebürtige Französin Lucille Thievre im Dienst großer Luxusmarken, bis sie sich an ihr eigenes Label wagte. Ihre Entwürfe sind dabei von einer Unbeschwertheit und modernen Attitüde, wie sie sonst nur selten zu finden sind.

Nahe an Vergangenheit und Gegenwart

Die Inspiration dafür kommt auch von den Kleidern, die ihre Mutter in den 1980er-Jahren getragen hat und greifen diesen Spirit gekonnt auf. Körperbetonte Schnitte, Cut-Outs und elastische Materialien sind dabei ihre Signatur und spielen mit den Stereotypen der offenen französischen Sexualität. „Die Kleider erinnern an Dessous, bringen die Sil- houette zur Geltung, statt den Körper zu verstecken – wie eine Geste der Zärtlichkeit“, gibt sie dazu in einem Interview zu Protokoll. Ihr Zielpublikum ist damit bereits definiert: Selbstbewusste und sinnliche Frauen, die die Raffinesse der Entwürfe zu schätzen wissen.

Preisverdächtig

Vor allem in ihrem Heimatland wird sie für diesen Mut bewundert und so war Thievre bereits im letzten Jahr unter den Kandidaten des Modefestivals von Hyères, das jeden Sommer die aussichtsreichsten Talente kürt. Auch dieses Jahr findet sich ihr Name erneut unter den Kandidaten, selbst wenn aufgrund der Covid-19-Krise eine Entscheidung erst im Herbst fallen wird. Ob siegreich oder nicht, auf lange Frist darf sich Lucille Thievre bereits jetzt zu den Gewinnern zählen.

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"Weibliche Silhouetten treffen bei Yolancris auf Bomberjacken mit Blütenapplikationen – funktional und vielseitig wird feminine Eleganz gefeiert."

Zugegeben, als Newcomer kann man das 2005 gegründete Label rund um das Schwestern-Duo Yolanda und Cristina Pérez nicht mehr bezeichnen, umso beeindruckender ist aber der Siegeszug der spanischen Marke, die sich als Fixstarter in den Bereichen der Braut- und Abendmode einen Namen gemacht hat. Handgearbeitete Stücke mit Couture-Anspruch fernab von den üblichen Klischees, die man mit dem Segment vielleicht in Verbindung bringen möchte, sind dabei ihr Markenzeichen.

Feminine Grazie

„Ich lasse mich nicht von meiner Umwelt inspirieren, sondern folge meiner Intuition. Wir sind zu sehr daran gewöhnt nach außen zu blicken, dürfen dabei aber keine Angst haben in uns selbst zu reisen, um zu ergründen was unsere wahre Identität und unser wahres Selbst ist“, erklärt Yolanda Pérez, die als Kreativdirektorin des Labels fungiert. Dabei besinnt sie sich auf die Stärken der Marke: Eleganz und Weiblichkeit des goldenen Zeitalters gepaart mit 1970er-Boho-Chic. 

Handwerk trifft Design

Diese Charakteristika lassen sich auch in der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion 2020/21 „Brown – The No Colour Collection“ erkennen, die im ehrwürdigen Pariser Hotel „Ritz“ präsentiert wurde. Weibliche Silhouetten wie etwa Meerjungfrauenkleider und ausgestellte Röcke treffen dabei auf Bomberjacken mit Blütenapplikationen – funktional und vielseitig wird feminine Eleganz gefeiert. Vor allem der Umstand, dass der Fokus auf Qualität und Handwerk auch auf die Ready-to-wear übertragen wird, gibt Anlass zur Freude und macht das Label auch auf diesem Gebiet zu einem Geheimtipp.

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Ein Auszug aus dem aktuellen Lookbook von Pangaia.

"Das Ziel ist dabei gleichermaßen ehrenwert als auch hochgesteckt: Mittels smarter Stoffe die Fashion-Branche zu revolutionieren und damit nachhaltig zu machen."

Design trifft auf Forschung, smarte Technologie auf einen Nachhaltigkeitsgedanken – kaum verwunderlich, dass das Label Pangaia, dessen Name sich übrigens aus den Worten „pan“ (allumfassend) und „gaia“ (Mutter Erde) zusammensetzt, den Zeitgeist trifft und zum Lieblingslabel der jungen Generation aufgestiegen ist.

Mode mit Mission 

Das Ziel ist dabei gleichermaßen ehrenwert als auch hochgesteckt: Mittels smarter Stoffe die Fashion-Branche zu revolutionieren und damit nachhaltig zu machen. Zum Einsatz kommen deshalb nachhaltige und wiederverwertbare Materialien, wie etwa biobasierte, recycelte Fasern, die aus Plastikflaschen hergestellt werden, Stoffmischungen aus Seetang mit organischer Baumwolle oder natürliche, botanische Farbstoffe, etwa von Pfefferminze. Das eben jene Modelle auch in vollständig kompostierbaren Verpackungen verschifft werden, versteht sich dabei fast von selbst.

Prominente Unterstützung

In puncto Design setzt das Kollektiv auf bequeme und zeitlose Schnitte und trendige Farbnuancen, darunter vor allem Loungewear teils angelehnt an die 1990er-Jahre. Das kommt auch bei Celebrities wie Justin Bieber oder Bella Hadid gut an, die durch ihre werbewirksamen Streetstyle-Auftritte regelmäßig für aus verkaufte Kollektionen und lange Wartelisten sorgen. Aktuell wird das Produktsortiment deshalb auch stetig erweitert. Ein Beispiel, wie sich ein profitables Modeunternehmen auch mit grünem Gewissen etablieren kann, das hoffentlich viele Nachahmer findet.

Fotos: Florentina Leitner, Pangaia, Patricia Narbón, Lucille Thievre, Yolancris

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