Art & Culture

Interview mit Künstlerin Gab Bois: Wortspiele und das unbekannte Bekannte

Die 24-jährige Kanadierin Gab Bois hat Instagram zu ihrem Atelier gemacht. In einem exklusiven Interview mit L’Officiel Austria spricht sie über die Rolle, die ihr Vater in ihrem Leben spielt, ihren kreativen Prozess und die Relevanz von Social Media für KünstlerInnen unserer Zeit.
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Fotos: Gab Bois (links und rechts), Pegah Farahmand (zentral)

Wie nennt man einen BH aus zwei Orangenschalen? Ganz genau, „Vitamin C-Cup”. Mit Bildern, deren ausgeklügelte Captions mühelos mit Worten und Phrasen spielen, begeistert Gab Bois über 500k Follower auf Instagram. Zu ihren Fans online zählen Magazine wie InStyle und The Face wie auch OFF-White Designer Virgil Abloh und die deutsche Mode-Influencerin Caro Daur

Geboren und aufgewachsen in Montréal lebt die 24-jährige Künstlerin nach wie vor in der Stadt im Osten Kanadas. Auf ihrem Instagram Account @gabbois postet sie Bilder, die uns allen bekannte Alltagsgegenstände verfremden, indem sie aus ihrem natürlichen Umfeld genommen und in einen neuen Kontext gesetzt werden. So werden rote Topfpflanzen zum Geburtstagskuchen und grünes Gemüse zum Skincare Routine Set. Jedes Bild bekommt natürlich eine eingängige Caption – von buntem Emoji-Salat bis zum cleveren Wortspiel ist alles dabei. 

Wie die Leidenschaft und Liebe für die Kunst ihren Weg in ihr Leben fand, welcher kreativer Prozess hinter ihren verschmitzten Bildern steckt und wie junge Künstler heutzutage Social Media nutzen erfahren Sie hier im exklusiven Interview mit Gab Bois.

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Fotos: Gab Bois

Lisa Zirngast: Wann haben Sie sich dazu entschlossen, Künstlerin werden zu wollen?

Gab Bois: Ich wusste immer, dass ich etwas Kreatives machen wollte, aber ich hätte nie erwartet, dass es sich in eine Karriere verwandeln würde. Als Kind habe ich es geliebt im Garten zu zeichnen oder basteln. Später, als Teenagerin, habe ich Stunden damit verbracht, kleine Bilder aus Magazinen auszuschneiden um sie dann wie ein Mosaik auf die Wände meines Zimmers zu kleben. Meine Eltern ließen mich auch einmal eine Kommode bemalen. Ich habe das Gefühl, dass das, was ich heute mache, eine Art Erweiterung oder Weiterführung der Leidenschaften ist, die ich als Kind hatte.

 

Lisa Zirngast: Ist Kreativität etwas, dass in Ihrer Familie liegt?

Gab Bois: Mein Vater war immer schon ein leidenschaftlicher Ölmaler. Ich bin damit aufgewachsen ihm zuzusehen. Manchmal hat er eine kleine Staffelei direkt neben seiner aufgestellt, und ich habe Kaffeebohnen, Erdbeeren oder schöne Blätter, die ich auf Spaziergängen gefunden habe, gemalt. Die Mischung aus Lösungsmittel und Herbstluft bringt mich gedanklich immer zurück in den Keller meiner Eltern, wo wir Nachmittage damit verbrachten, klassische Musik zu hören. Damals dachte ich mir, wie gerne ich später so gut wie mein Vater malen können würde. Ohne es zu wissen hat er mir damals Leidenschaft für Kreativität und Disziplin beigebracht. Allein durchs Zuschauen. Dafür werde ich ihm für immer dankbar sein. 

 

Lisa Zirngast: Wie sieht Ihr Prozess aus, wenn Sie an etwas arbeiten? Was inspiriert Sie und wie lange, durchschnittlich, dauert es, um ein Projekt fertigzustellen?

Gab Bois: Es ist von Bild zu Bild unterschiedlich, aber ich versuche die Idee immer im Zentrum des kreativen Prozess zu halten. Eine neue Idee kann wirklich immer kommen, egal wo und wann. Manchmal fällt mir ganz zufällig etwas ein, manchmal setzte ich mich hin, um bewusst ein bisschen Brainstorming zu machen. Als Nächstes geht’s in die Produktion. Ich suche alle Materialien zusammen und shoote das Bild. Das kann kürzer oder länger dauern. Einmal habe ich einen Pullover aus unzähligen regenbogenfarbenen Süßigkeiten gemacht oder Pusteblumen so auf der Wiese drapiert, dass sie wie Bettwäsche aussehen. Die beiden Projekte waren natürlich sehr zeitaufwendig. Grundsätzlich mache ich mir keine Gedanken darüber, wie lange etwas dauert. Wenn ich arbeite, dann bin ich so fokussiert, dass die Zeit nur so verfliegt. Auf einmal realisiere ich, dass ich Stunden in gekrümmter Haltung verbracht habe. Aber das Ergebnis ist ein fertiges Bild. Und ein starrer Nacken als Bonus (lacht).

Lisa Zirngast: Arbeiten Sie allein oder haben Sie ein kleines Team?

Gab Bois: An stillen Bildern arbeite ich von Anfang bis Ende allein. Ich genieße es, bei jedem Schritt hautnah und persönlich dabei zu sein – vom Konzept zur Produktion zur Nachbearbeitung bis hin zum Modeln. Wenn ich Videos shoote, dann habe ich ein wundervolles Team an meiner Seite. Und natürlich meinen tollen Manager. 

 

Lisa Zirngast: Sie scheinen viel mit Worten und Phrasen zu spielen. Eine bekannte oder eingängige Phrase wird durch ihre Bilder buchstäblich zur Realität. Wie sind Sie zu diesem Zugang gekommen?

Gab Bois: Captions sind relativ schnell zu Titeln der Bilder geworden. Ich habe immer versucht Wörter oder Phrasen zu finden, die der Arbeit selbst einen Mehrwert verleihen oder, wenn möglich, erheben. Ich habe es mir zur persönlichen Aufgabe gemacht, den besten Titel zu finden. Etwas, was die Leute einfach nicht vergessen können, wenn sie es einmal gelesen haben. Manchmal haben User in den Kommentaren noch bessere Ideen, was ich liebe.

 

Lisa Zirngast: Wer ist die erste Person, der Sie neue Bilder zeigen?

Gab Bois: Mein Freund oder enge Freunde. Oft in Form einer SMS mit den klassischen Fragen „Welches soll ich posten?“ Oder: „Was stimmt nicht mit dem Foto? Irgendetwas passt nicht und ich kann nicht sagen, was es ist.“

 

Lisa Zirngast: Auf Instagram erlebt Ihr Account viel Engagement in der Form von Likes oder Reposts in Stories. Warum, glauben Sie, kommt Ihre Kunst so gut bei den Leuten an?

Gab Bois: Ich glaube, dass ich großes Glück hatte, denn als ich in 2016 begann auf Instagram zu posten, war der Feed noch chronologisch aufgebaut und der Algorithmus war lange nicht so aggressiv wie heute. Produktplatzierungen oder Sponsoring waren noch kein Thema. Es war so viel einfacher natürlich ein Following aufzubauen, indem man auf der Explore Page gefeatured wurde und allen Followern wurden die Posts auch gezeigt. Ich vermisse all das sehr. 

Was die Leute betrifft, die meine Arbeit mögen – Alltagsgegenstände zu verwenden, die man täglich sieht, hilft sicher. Das mit Humor zu mischen macht es sehr zugänglich und einfach wie auch schnell zu konsumieren, was auf einer Plattform wie Instagram super umsetzbar ist.

 

Lisa Zirngast: Welche Relevanz hat Social Media heutzutage für die Kunstwelt?

Gab Bois: Ich persönlich fühle eine gewisse Distanz zur traditionellen Kunstwelt, also weiß ich nicht, ob ich wirklich qualifiziert bin, diese Frage zu beantworten. Ausgehend von meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Social Media eine signifikante Rolle in meiner Arbeit und Karriere gespielt hat. Es ist die absolut beste Art und Weise sich zu präsentieren. Es hat mir ermöglicht, mit so vielen Leuten aus den unterschiedlichsten kreativen Ecken in Kontakt zu kommen, die ich wahrscheinlich sonst niemals getroffen hätte. Während Social Media unweigerlich mit vielen Hürden verbunden ist, muss ich sagen, dass für mich die Vorteile auf jeden Fall die Nachteile überwogen haben.

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Fotos: Gab Bois

Lisa Zirngast: Sie haben bereits mit dem Online Retailer SSENSE, dem britischen Kaufhaus Selfridges und der Süddeutschen Zeitung gearbeitet. Was halten Sie von Kollaborationen? Wird es in der Zukunft mehr davon geben?

Gab Bois: Es ist immer ein Vergnügen mit Marken zu arbeiten. Ich sehe es als Herausforderung deren Message oder Produkte in mein visuelles Universum einzuarbeiten und dabei sicherzugehen, dass beide Seiten gleichwertig im Spotlight stehen. In der Zukunft wird es auf jeden Fall mehr geben. Momentan ist einiges in Arbeit. Mir ist es wichtig, eine Balance zwischen kommerziellen Aufträgen und persönlichen Projekten zu haben. So kann ich verschiedene Fähigkeiten gleichzeitig entwickeln.

 

Lisa Zirngast: Sie haben bereits ein Buch mit dem Verlag Anteism veröffentlicht. Möchten Sie mit uns teilen, wie es dazu kam und vielleicht auch ein etwas zum Buch selbst?

Gab Bois: Natürlich, gerne. Wir haben letzten Herbst ein Buch veröffentlicht, nachdem wir die Idee diskutiert haben. Das Team von Anteism war einfach toll und hat meine Vision perfekt verwirklichen können. Ich bin sehr glücklich mit ihnen gearbeitet haben zu dürfen. Mir war klar, dass das Buch selbst die Dualität zwischen Physischem und Digitalem widerspiegeln soll. Ich spiele gerne mit meinen Bildern, wodurch auch das Cover mit den Selfies zustande kam. Das Buch soll ein physisches Archiv meiner Arbeit der letzten vier Jahre sein. Ich wollte, dass jeder, der meine Kunst online verfolgt, die Möglichkeit hat, etwas Schönes mit Bildern darin zu haben und diese auch im eignen Zuhause erleben zu können. So hat sich das alles entwickelt.

Zum Schluss, ein paar Quick Fire Questions

LieblingskünstlerIn?

Oh, ich muss sagen, ich habe gar keinen LieblingskünstlerIn. Nur Lieblingswerke von verschiedenen KünstlerInnen. 

Lieblingswerk aus der eigenen Sammlung?

Eine kleiner Übertopf in der Form eines Sneakers von der hervorragenden Keramikkünstlerin und meiner guten Freundin Didi Rojas.

Current obsession?

Videos über Gelatine Cake Art auf YouTube.

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Fotos: Anteism

Angelehnt an das Design der Foto App des Apple iPhones, ist das Buch von Gab Bois New Album - An Artist Book by Gab Bois online beim Anteism Verlag erhältlich.

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