Art & Culture

Pionierin des "Wiener Kinetismus": Erika Giovanna Klien in der Galerie Kovacek

Die Galerie Kovacek, die sich bereits mit herausragenden Ausstellungen einen Namen gemacht hat, ermöglicht damit nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder mit 73 verkäuflichen Werken sowie Leihgaben einen umfassenden Blick auf Erika Giovanna Klein, deren künstlerisches Schaffen zweifelsohne zu einem der spannendsten Oeuvres der Avantgarde in Österreich gehört.
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Erika Giovanna Klien, Foto: Klien Archiv Sammlung Pabst Wien

Die Galerie zeigt mit der musealen Ausstellung "Erika Giovanna Klien – Wiener Kinetismus" einen umfangreichen 160 Seiten starken Katalog, dessen wissenschaftliche Bearbeitung Dr. Marietta Mautner Markhof, Daniel Pabst und Mag. Angelika Karner verantworteten und der mit privatem Archivmaterial der Künstlerin tiefe Einblicke in ihre pädagogischen Ansichten, ihr künstlerisches Schaffen und ihr privates Leben sowie den Wiener Kinetismus gibt.

Eine Künstlerin, die - doch - nicht in Vergessenheit geriet 

Harald Krejci, Chefkurator des Belvedere, nannte Erika Giovanna Klien eine der wichtigsten Künstlerinnen des österreichischen Avantgarde. Mit der Ausstellung wird der Künstlerin verdiente Aufmerksamkeit zuteil, die ihr zu Lebzeiten als Frau auf weiten Teilen verwehrt blieb.

Die Ausstellung wurde aufgrund des großen Erfolges bis 29. Juli 2022 verlängert und ist ein absolutes Highlight im derzeitigen Wiener Kunstkalender. 

Erika Giovanna Klien gelang es, was keiner anderen österreichischen Künstlerin gelang: 1926 wurde sie neben Duchamp, Kandinsky, Klee und Picasso in New York ausgestellt.

L'Officiel Austria hat mit Sylvia Kovacek ein Gespräch über die Ausnahmekünstlerin geführt. Nach Auslandsstudium bei Christie's in London und Paris, Expertin für Antiquitäten im Auktionshaus im Kinsky ist Geschäftsführerin der Galerie Kovacek seit 2005.

 

Frau Kovacek, was macht Erika Giovanna Klien als Vertreterin des Wiener Kinetismus so besonders?

Sylvia Kovacek: "Klien steht allein durch ihr herausragendes Talent für den Inbegriff des Wiener Kinetismus. Diese Stilrichtung, die Expressionismus, Futurismus und Kubismus vereint, entstand – einmalig in der Geschichte der Moderne – nicht aus einer Künstlergruppe, sondern einer Schulklasse heraus. Franz Cizek, der hinsichtlich seiner fortschrittlichen Kunstlehre an der Wiener Kunstgewerbeschule als Erneuerer der Kunsterziehung galt, förderte seine Schüler:innen nicht nur hinsichtlich ihres Selbstbewusstseins und der Etablierung eines eigenen Stils, sondern auch durch ihre Präsenz in nationalen wie internationalen Ausstellungen."

Wie gestaltete sich daraus der Werdegang von Klien?

Sylvia Kovacek: "Diese Gegebenheiten förderten die Entwicklung von Kliens eigener Form des Konstruktivismus, den sie bereits 1925 in der internationalen Kunstgewerbeausstellung in Paris erfolgreich präsentiert. Ein Jahr später werden ihre Werke auf der 'International Exhibition of Modern Art' im Brooklyn Museum von New York wiederum als Repräsentantin der Cizek-Schule und einzige Vertreterin der Österreichischen Moderne neben Duchamp, Kandinsky, Klee und Picasso ausgestellt."

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"Kirchturm" von Erika Giovanna Klien

Das klingt durchaus beachtlich! Wie sieht es mit der Bekanntheit von ihr heute aus?

Sylvia Kovacek: "Ihre Werke sind in internationalen Sammlungen vertreten. Klien als eine der ganz wenigen Wiener Avantgarde-Künstlerinnen bereits zu dieser Zeit einen hohen internationalen Bekanntheitsgrad. Aufgrund ihres Renommees wurde sie 1929 nach New York berufen, wo sie neben ihrer eigenen Tätigkeit als freischaffende Künstlerin an den wichtigsten Schulen unterrichtet. Und trotz aller Widrigkeiten, den immer wiederkehrenden Affronts gegen ihre fortschrittliche Pädagogik in einem von Männern dominierten Kunst- und Lehrbetrieb und unter größtem persönlichem Verzicht - sie lässt ihren kleinen Sohn in Österreich bei Pflegeeltern zurück - versucht sich Klien als junge, alleinstehende Künstlerin in den USA zu etablieren und die Lehren Franz Cizeks zu internationalisieren."

Wie kann man ihr hinterlassenes Gesamtwerk zusammenfassen? 

Sylvia Kovacek: "Sie hat ihre höchst eigene Form des Kinetismus stetig vorantreibend und dabei immer neuen Ausdrucksformen und künstlerischen Strömungen aufgeschlossen. Mit ihrem Tod im Jahr 1957 hinterließ sie ein umfassendes künstlerisches Werk, das Zeit ihres Lebens die unterschiedlichsten Referenzen aus Malerei, Grafik, Theater und Tanz integrierte."

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"Baum im Wind" von Erika Giovanna Klien

Klien ist erst durch eine Ausstellung des Wien Museums oder des Belvederes wieder ins Gedächtnis der Wiener:innen gerückt. Die Galerie Kovacek hat jedoch bereits viel früher ihr Vermächtnis gefeiert. Warum ist Klien überhaupt in Vergessenheit geraten?

Sylvia Kovacek: "Das Vergessen von Erika Giovanna Klien stellt leider kein Einzelschicksal dar. Wie viele andere Künstlerinnen – denn zumeist sind es Frauenschicksale, wie zuletzt auch in den großen Ausstellungen hierzulande wie auch international thematisiert wurde – wurden sie mit dem Anschluss 1938 aus der Kunstgeschichte verbannt und vergessen. Der Zweite Weltkrieg stellte eine große Zäsur für die Künstlerin dar. Mit den Kriegsgeschehnissen verlor sie die Verbindung zu hilfreichen Netzwerken, zu Mäz:innen und Sammler:innen."

Und wie sah es für Erika Giovanna Klien nach dem Zweiten Weltkrieg aus? 

Sylvia Kovacek: "Nach dem Krieg, als Klien in der freien Wirtschaft versucht Fuß zu fassen, mag auch ihre deutsche Abstammung – trotz Annahme der US-Staatsbürgerschaft im Oktober 1938 – im Besonderen durch die Kampagnen der 'McCarthy-Ära' einen künstlerischen Wiedereinstieg bzw. die Fortsetzung ihrer künstlerischen Erfolge erschwert haben. Trotz aller Widrigkeiten hat Klien in den 50er Jahren, u. a. mit 'Subway Symphony' ein fantastisches Spätwerk geschaffen, in dem all ihre künstlerische Meisterschaft und persönliche Erfahrung kulminieren. Für den öffentlichen Raum, als Installationen in den New Yorker U-Bahn-Stationen, geplant, wurde dieses Projekt leider nie realisiert."

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Galeristin Sylvia Kovacek, Künstler Doug Argue und Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder | Foto: Philipp Enders

Wie ging es nach ihrem Tod mit den Werken weiter? 

Sylvia Kovacek: "Erika Giovanna Klien war alleinstehend und auch nach ihrem Tod wurde ihr künstlerischer wie privater Nachlass von ihrer Schwester Bertha Klien-Moncreiff lediglich aufbewahrt, aber nicht aktiv im Sinne einer Publikation ihres Oeuvres betreut. Erst in den 1960er arbeitet ihr Werk von Bernhard Leitner auf und gelangte mit dem Galeristen und Sammler Michael Pabst, der den Nachlass ankaufte und einem interessierten Publikum bekannt machte, wieder in das internationale Kunstinteresse. Durch Ausstellungen – darunter darf ich die Einzelpräsentation zu Werken der Künstlerin in unserer Galerie 2001 nennen – und Publikationen, zählt Erika Giovanna Klien heute endlich wieder zu den bedeutendsten österreichischen AvantgardekünstlerInnen."

Über welche ihrer Werke darf man sich in der Galerie freuen?

Sylvia Kovacek: "Wir präsentieren über 60 Malereien, Zeichnungen, Grafiken sowie Linolschnitte der Künstlerin aus drei Jahrzehnten. Die vielen verschiedenen Themenkreisen Kliens umfassen ihr vielfältiges Oeuvre. Beginnend mit einer frühen Bleistiftstudie aus dem Jahr 1920 und chronologisch eindrucksvollen Werken aus der letzten Serie 'Subway Symphony'. Das Ende ihres Schaffens. Besonders freuen wir uns mit 'Stephansdom' und 'Silvesterabend' zwei der äußerst seltenen und zudem frühen Ölgemälden Kliens zu präsentieren." 

Erika Giovanna Kliens "Diving Bird" ist wohl eines ihrer berühmtesten Werke. Welches können Sie uns als "Geheimtipp" empfehlen bzw. welches ist Ihr Lieblingswerk in der Ausstellung? 

Sylvia Kovacek: "Ein malerisches Meisterwerk ist zweifelsohne das bereits erwähnte Gemälde 'Stephansdom' aus dem Jahr 1923 – Hauptwerk ihrer frühen Schaffensjahre und außergewöhnliche Rarität, da ihr Gesamtwerk nur wenige Arbeiten in Öl umfasst. Dem frühen Stil ihrer Arbeiten entsprechend, sind die Formen bewusst infantil gehalten, die Komposition der in vielfältiger Ansicht wiedergegebenen Architektur hingegen sehr komplex. Das gotische Motiv ist klar analysiert, seziert und dann in all seiner geometrischen Vielansichtigkeit meisterhaft in Szene gesetzt. Die komplexe Perspektive harmoniert herausragend mit der reduzierten Farbkombination aus tiefem Kobaltblau und dem kontrastierenden Rot, Braun und Gelb, so dass eine ganz eigene, übergeordnete, nahezu kontemplative Ruhe entsteht. Ein außergewöhnliches Werk also in jeder Hinsicht!"

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