Pop Culture

"Annette": Der surreale Musical-Film mit Marion Cotillard und Adam Driver

Thomas Clausen berichtet über „Annette“ und interviewt hierfür die amerikanischen Art-Pop-Exzentriker Sparks. Sie sorgen im Superstar-besetzten Musical für das surrealste Kino-Erlebnis des Jahres!
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Adam Driver und Marion Cotillard spielen die Hauptrollen in einem surrealen Kino-Musical. © Amode Film

Bereits im Sommer hat „Annette“ als Eröffnungsfilm auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes für durchweg begeisterte Publikumsreaktionen gesorgt – diese Woche läuft das hochkarätig besetzte Leinwand-Drama über ein geheimnisvolles Mädchen nun offiziell in Österreich und Deutschland an!

Seit Anfang der 1970er-Jahre probieren sich die beiden Brüder Ron und Russell Mael alias Sparks („When Do I Get To Sing `My Way`“) auf dem unendlich weiten Spielplatz der modernen Popmusik aus. Mit dem Electro-Pop-Musical „Annette“ präsentiert das experimentierfreudige US-Duo einen avantgardistisch-atmosphärischen Bilderrausch, für den man einen kleinen aber feinen Superstar-Cast gewinnen konnte.

Allen voran Adam Driver, der seine künstlerische Wandlungsfähigkeit bereits als düsterer Bösewicht in „Star Wars“, der Rolle des nerdigen Kleinstadt-Cops in Jim Jarmuschs sozialkritischer Zombie-Komödie „The Dead Don't Die“ und nicht zuletzt in Ridley Scotts glamourösem Biopic „House Of Gucci“ über das italienische Modeimperium unter Beweis gestellt hat.

 

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Bildgewaltig: "Annette" mit Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard © Amode Film

An Drivers Seite glänzt die französische Oscar-Gewinnerin Marion Cotillard („La Vie En Rose“, „Midnight In Paris“, „Inception“) als berühmte Opernsängerin, mit der er eine gemeinsame Tochter zeugt; ein ebenso talentiertes wie auch seltsames Kind. Annette ist eine lebendige Holzpuppe, die als singendes Baby an der Seite des namenlosen Dirigenten (verkörpert von „The Big Bang Theory“-Ikone Simon Helberg) zu Weltruhm gelangt.

In Zusammenarbeit mit Regisseur Leos Carax („Holy Motors“, „Die Liebenden von Pont-Neuf“) haben die Sparks mit „Annette“ ein surreales Gesamtkunstwerk irgendwo zwischen Luis Buñuel und Alejandro Jodorowsky erschaffen, mit dem die exzentrischen Mael-Brüder einmal mehr die äußersten Grenzen des Mainstream austesten. Dazu traf Thomas Clausen auf Moustache-Liebhaber Ron Mael exklusiv für L'Officiel Austria.

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Im Gespräch mit Thomas Clausen: Ein Teil des exzentrischen Art-Pop-Duos Sparks, Ron Mael © Anna Webber

Die Musik der Sparks hatte schon immer ein sehr cineastisches Moment. Mit Ihrem Musical-Debüt bekommt nun alles eine ganz neue Dimension!

Ron Mael: "Wir haben in der Vergangenheit an verschiedenen Filmprojekten gearbeitet, die sich jedoch aus den unterschiedlichsten Gründen nicht realisieren ließen. Ob Mitte der 1970er-Jahre mit Jacques Tati oder zu Beginn der 1990er mit Tim Burton. Es ist ein tolles Gefühl, uns nun an der Seite von Leos Carax nach so langer Zeit endlich einen echten Lebenstraum erfüllt zu haben."

 

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung von „Annette“?

Ron Mael: "Die ursprüngliche Idee zu diesem Projekt entstand bereits vor über acht Jahren. Eigentlich waren die Songs für eine reguläre Sparks-Scheibe gedacht. 2009 erschien unser Album „The Seduction Of Ingmar Bergman“, auf dem wir schon einmal eine zusammenhängende Geschichte erzählt haben. Diesmal war der Plan, uns auf nur wenige Charaktere zu beschränken, so dass man mit sehr einer kleinen Besetzung auf Tour gehen könnte. Mein Bruder schlug vor, einen weiteren Anlauf in Sachen Film zu wagen und unsere Idee an Leos Carax zu schicken, den wir irgendwann in Cannes kennengelernt hatten. Nach ein wenig Bedenkzeit willigte er schließlich ein, die Regie zu übernehmen." 

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"Ich könnte mir vorstellen, uns in Zukunft noch weiter auf das große und in unseren Augen größtenteils noch unerforschte Feld der Leinwand-Musicals zu begeben." - Ron Mael

Sie sind für Ihre opulente Pop-Exzentrik berühmt. Etwas, das sich nun auch in Musical-Form deutlich wiederfindet.

Ron Mael: "Wir wollten vermeiden, uns den üblicherweise für Musicals geltenden Regeln und Normen anzupassen. Von Anfang an war klar, dass es keine typische Broadway-Fassung werden, sondern diese besondere Popstilistik beibehalten sollte. Das ist nichts, was wir bewusst steuern können. Alles, was wir machen, bekommt automatisch eine gewisse Sparks-Ästhetik. Das war schon seit jeher so."

 

Einige der Szenen entstanden in Deutschland. Wie haben sich die Dreharbeiten dort gestaltet?

Ron Mael: "Wir konnten leider selbst nicht anwesend sein, als die Szenen gedreht wurden. Ich glaube, sie wurden auf dem Flughafen in Düsseldorf aufgenommen. Man sieht also nicht allzu viel von Deutschland (lacht). Andere Teile wurden in Belgien abgedreht. Und das, obwohl die Handlung eigentlich komplett in Los Angeles angesiedelt ist."

 

Sie haben sich einer ziemlich illustren Besetzung bedient: Neben dem großartigen Film-Couple Adam Driver und Marion Cotillard glänzt insbesondere „The Big Bang Theory“-Serien-Nerd Simon Helberg in der Rolle des Orchesterdirigenten. Eine außergewöhnliche Wahl!

Ron Mael: "Leos hat mit uns ein wenig an der Struktur des Films sowie der Handlung gearbeitet und uns auch bei der Besetzung beraten. Ich finde, Simon war die perfekte Entscheidung. Es hat uns gereizt, ihn als ehemaligen TV-Star in Kontrast zu typischen Kino-Gesichtern wie Adam Driver und Marion Cotillard zu setzen. Ein augenzwinkernder Snobismus von unserer Seite. Die wenigsten wissen, dass Simon außerdem ein fabelhafter Musiker ist. Leos wollte einen Schauspieler, der auch Klavier spielen konnte, um Close-Ups seiner Hände während des Spiels zu zeigen. Dazu kommt, dass seine Rolle im Gegensatz zu 'The Big Bang Theory' ziemlich humorlos ist und ihn Fans von einer völlig anderen Seite erleben. Sein Name war uns lediglich wegen dieser Serie geläufig; wir waren wirklich begeistert, über welch schauspielerische Talent er verfügt."

 

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Visionär! "Annette"-Regisseur Leos Carax © Shutterstock

Annette“ wurde dieses Jahr in Cannes von Fans und Medien gefeiert. Ein erwartbarer Erfolg?

Ron Mael: "Kein Erfolg ist vorhersehbar. Nach diversen gescheiterten Filmprojekten haben wir unsere Erwartungsmesslatte von vornherein ziemlich niedrig angesetzt und waren natürlich umso glücklicher, eine Größe wie Leos Carax für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Eigentlich setzt er größtenteils eigenen Stoff um und macht nur selten Ausnahmen. Mit der Zusage von Adam Driver und Marion Cotillard wurde alles aufs nächste Level gehoben. Der Höhepunkt war die Nominierung als Eröffnungsfilm in Cannes. Für uns als riesige Kinofans natürlich eine ganz besondere Ehre. Ich könnte mir vorstellen, uns in Zukunft noch weiter auf das große und in unseren Augen größtenteils noch unerforschte Feld der Leinwand-Musicals zu begeben. In diesem Genre gibt es noch viel auszuprobieren. Ebenfalls würden wir gern unsere Fühler in Richtung Tanztheater oder Kunstinstallationen ausstrecken und sind für alle Angebote offen. Und nicht zuletzt arbeiten wir schon wieder an unserem nächsten Studioalbum. Es wird uns nie langweilig ... "

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