Art & Culture

Vienna Contemporary: A Brave New Art World

Über 30.000 kunstaffine Besucher machen sich üblicherweise Ende September zu den Wiener Rinderhallen St. Marx auf, in denen Galerien Werke mit Fokus auf Zentral- und Osteuropa präsentieren. Dieses Jahr kann man die Messe allerdings nicht nur live, sondern teils auch von den eigenen vier Wänden aus besuchen.
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In lebhafter Erinnerung blieb den Besuchern unter anderem die Installation der Galerie Krobath. Foto: kunst-dokumentation.com

Die „viennacontemporary“ hat es seit ihrer Entstehung 2015 geschafft, sich als internationale Messe zu Österreichs Aushängeschild des zeitgenössischen Kunstmarkts zu etablieren. Doch auch hier sind die Auswirkungen der letzten Monate spürbar; was für manche als unsicher und problematisch wahrgenommen werden könnte, stellt allerdings für die künstlerische Leiterin Johanna Chromik eine aufregende neue Chance dar. Nach den Erfolgen des letzten Jahres – vor allem auch durch neue „Special Projects“ (etwa: Zone1, Explorations und NSK) – hatte sie sich für ihr zweites Jahr als künstlerische Leiterin vieles vorgenommen: mit einem „sicheren Tritt im Alltag“ sollte das Format weiter ausgefeilt und die Präsenz in der Stadt geschärft werden. Die unerwarteten Herausforderungen, vor denen sie dieses Jahr gestellt wurde, empfindet sie als Möglichkeit, um die Digitalisierung in der Kunstwelt voranzutreiben. Es konnte so inzwischen nicht nur vieles „aufgeholt“, sondern auch neue Formate erarbeitet werden, die bei der diesjährigen Messe als „Ergänzung zum physischen Raum“ fungieren und online gezeigt werden.

Virtuelles Spektrum
Nach Absage der physischen „Art Basel - Hongkong“, wurde bereits im März mit speziellen „Online Viewing Rooms“ ein erster wichtiger Schritt zur virtuellen Öffnung einer lokalen Messe gesetzt. Ebenso wird auch für die „viennacontemporary“ eine digitale Erweiterung konzipiert, die „Hand in Hand“ mit dem Relaunch des eigenen Onlinemagazins einhergehen wird. Weitere Events wie Talkprogramme sollen parallel im physischen, als auch digitalen Raum stattfinden. Doch was bedeutet eine digitale Plattform auf die global zugegriffen werden kann für eine lokale Messe? Die „vienna contemporary“ ist von ihrer „europäischen Regionalität“ geprägt – „vor allem die Präsenz der Wiener und österreichischen Galerien und unserer Partnergalerien aus Zentral- und Osteuropa formen das scharfe Profil der Messe“, sagt Chromik. Die digitalen Erweiterungen öffnen nun neue Welten: „Digitale Plattformen sind eine gute und wichtige Ergänzung zum Kennenlernen – auch für diejenigen, die dieses Jahr zu Hause bleiben. Der Kunstbereich und das Geschäft mit derselben bauen auf unmittelbarem Austausch, dem gegenseitigen Vertrauen und der Leidenschaft für Kunst auf“, doch „am Ende des Tages bleiben die ganz persönlichen Begegnungen und das direkte Erleben von Kunst für uns entscheidend“.

Gebündelte Kräfte
Die Kunstwelt hat sich laut Johanna Chromik rasch von der anfänglichen Schockstarre des Lockdowns erholt und informelle Netzwerke unter Galerien und Künstlern gebildet. Dadurch wurden „neue kreative und spannende Erprobungen losgetreten“. Auch sie selbst hat in den vergangenen Monaten an zahlreichen digitalen Rundgängen und Gesprächen teilgenommen – inspirierende Treffen fanden unter anderem via Zoom bei einem Kaffee oder Gläschen Wein statt. Auf die Frage, wie man trotz Lockdown am Puls der Zeit bleiben kann, verweist Chromik auf Plattformen wie „Not Cancelled“, die beispielsweise auch der „Vienna Art Week“ eine Onlinepräsenz verliehen haben und die Initiative „galleryplatform.la“, bei der sich 81 Kunstgalerien aus Los Angeles zusammengeschlossen haben, um gemeinsam ihre Werke online auszustellen.

Up-and-coming
Abgesehen von den digitalen Veränderungen will Chromik noch nicht zu viel über das diesjährige Programm und Galerien Line-up verraten: „Wir sind in den Endzügen. Es sei gesagt, dass es auf jeden Fall (Wieder-)Entdeckungen und etablierte Größen geben wird“. Persönlich freut sie sich schon am meisten auf die von den neuen Kuratoren zusammengestellten Konzepte: „Cathrin Mayer für die Zone1 unserer Sektion mit knackigen Einzelpräsentationen von bis zu 40-jährigen KünstlerInnen, die eine Verbindung zu Österreich haben; Jen Kratochvil für Video – eine spannende Auswahl künstlerischer Kurzfilme – und Elisa R. Linn & Lennart Wolff bei Explorations, einer pointierten Werkspräsentation verschiedener Galerien Europas“.

Neu(er)findung
Dass aus Krisen mitunter Wertvolles entstehen kann, hat bereits 1919 das Bauhaus bewiesen, das aus der Industrialisierung der Nachkriegszeit stammt und dessen Grundzüge auch über einhundert Jahre später in aktuellen Designs, Kunst und Architektur weiterbestehen. Johanna Chromik ist schon gespannt auf die Arbeiten, die in den letzten Monaten – besonders auch in der Phase des Lockdowns – in den Ateliers entstanden sind: „Durch die Unmöglichkeit von Reisen, Eröffnungen, sozialen Events und somit dem Wegfallen von „Ablenkungen“, haben sicher so einige Künstler und Künstlerinnen ganz erstaunliche Werke hervorgebracht, die wir jetzt und in der nächsten Zukunft sehen werden“.

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Impressionen aus dem vergangenen Jahr: Darunter die Installation der Galerie Gerhard Hofland und die Skulptur „Torso vor schwarzer Scheibe“ des Künstlers Stephan Balkenhol, der von der Galerie Jochen Hempel repräsentiert wurde. Fotos: kunst-dokumentation.com (2), Galerie Jochen Hempel

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